Genius, Bremsen, Strategie: Wieso Rosberg keine Chance hatte

, 08.06.2015

An Lewis Hamilton führte für den Deutschen in Montreal aus vielerlei Gründen kein Weg vorbei: Dennoch weiß er, wie er den Teamkollegen knacken kann

Auf die Renndistanz gesehen praktisch genauso schnell wie der Sieger und Stallgefährte Lewis Hamilton - und im Ziel trotzdem die klare Nummer zwei beim Kanada-Grand-Prix in Montreal am Sonntag: So erging es Nico Rosberg, doch der Deutsche war ein Gefangener seiner Situation und hatte aus vielerlei Gründen keine Chance, seinen ärgsten Rivalen im Duell um den WM-Titel auf der Strecke zu kassieren. Drei Erklärungsversuche, warum er den anderen Silberpfeil nie ernsthaft gefährdete.

Erstens: Hamilton leistete sich nicht den kleinsten Fehler. Rosberg, der nach einem verhagelten Qualifying am Start nicht vorbeikam, klagt über das große Manko der modernen Formel 1: "Es ist sauschwierig, jemanden mit dem gleichen Auto zu überholen, geschweige denn überhaupt zu überholen." Die Ursachen sind altbekannt, schließlich ist das dichte Hinterherfahren in schnellen Passagen ohne Gripverlust praktisch unmöglich und Schlagdistanz wird auf vielen Kursen nie erreicht.

Zweitens: Rosberg hatte die schlechteren Reifen und Bremsen. "Dadurch, dass ich im Windschatten war und weniger Kühlung bekam, bin ich auf den Geraden immer ausgeschert, um frische Luft zu erhalten", erklärt der Wiesbadener, der dadurch auf den Topspeed-Vorteil durch den Sog im Heck des anderen Autos verzichten musste. Ein notwendiges Übel: "Die Bremsen waren am Anschlag." Hamilton erging es bei freier Fahrt deutlich besser, nachdem er noch 2014 in Montreal genau deswegen der Gelackmeierte war.

Bei Mercedes waren die Verantwortlichen bereits besorgt, schließlich gab es in Bahrain schlechte Erfahrungen mit den Bremsen. "Teilweise durfte ich auch gar nicht attackieren, weil ich wegen der Bremsen auf Distanz bleiben musste", meint Rosberg. "Jedes Mal, wenn ich rangekommen bin, waren die Bremsen wieder zu heiß und ich musste mich zurückfallen lassen." Sich auf ein Manöver zu konzentrieren, wurde zunehmend schwieriger: "Es war mehr zu managen als mir lieb war. Das hat natürlich meinen Bemühungen geschadet."

Drittens: Hamilton war Rosberg immer einen Schritt voraus. Grund dafür ist ein Boost-Button im W06, dessen Nutzung - im Gegensatz zum Spritverbrauch - im Team offen kommuniziert wird. "Ich kann einen Schalter betätigen, mit dem ich für zwei Runden Elektropower erhalte", sagt Rosberg. "Danach habe ich aber keine Akkuladung mehr. Das Problem ist: Wenn ich es mache, sagt sein Ingenieur es ihm und er macht es auch. Und wenn Lewis das gleiche Auto hat, dann wird es schwierig."

Obwohl Rosberg im Windschatten den Spritverbrauch theoretisch hätte senken müssen (die TV-Grafiken zeigten jedoch stets identische Werte), verschaffte ihm auch das Haushalten mit dem Treibstoff keinen Vorteil. "Ich musste nur die Rundenzeiten beantworten, die Nico fuhr", sagt Hamilton, der sich selbst kaum in Verbrauchsproblemen wähnte und sogar noch Reserven beim Tempo gehabt haben will. "Wenn ich dann ein oder zwei Zehntelsekunden schneller sein könnte - schön!"

Trotzdem zeigt sich Rosberg mit seinem Abschneiden in Kanada zufrieden und spricht von einem "gelungenen" Rennen. Er räumt ein: "Zwischen uns ist es so eng und wenn er im Rennen am Anfang vorne wegfährt, dann wird es schwierig, die Position noch zu holen." Ergo muss er möglichst schon in Spielberg in zwei Wochen zu der aus der Vorsaison bekannten Qualifying-Stärke zurückfinden und Hamilton im Zeittraining foppen. "Ich sehe diesen Samstag als Pech, dass ich einen schlechten Reifensatz erwischt habe", analysiert Rosberg. "Ich brauche einfach ein Wochenende, wo beides richtig läuft, Qualifying und Rennen. Dann kann ich Lewis schlagen."

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