Schweigen ist Silber: Wieso Rosberg einen Korb bekam

, 08.06.2015

Die FIA-Regelauslegung und eine interne Direktive waren der Grund, dass der Deutsche nichts über Hamiltons Verbrauch erfuhr - Aber was wusste der Brite?

Im vergangenen Sommer hat die FIA unmissverständlich kommuniziert: Fahrtipps im Funk sind in der Formel 1 verboten, weil sie als aktive Fahrhilfe ausgelegt werden. Mit diesem Satz ist allerdings alles gesagt, was in der Angelegenheit wirklich klar ist. Denn auf einen Präzedenzfall in Form eines Regelverstoßes wartet die Königsklasse nach einem Jahr noch immer. Beim Kanada-Grand-Prix in Montral am Sonntag hätte es gleich zweimal soweit sein können: Und zweimal stand Mercedes im Mittelpunkt.

Die kritischere Szene spielte sich in Runde 66 ab, als Nico Rosberg auf der Jagd nach Teamkollege Lewis Hamilton seinen Renningenieur nach dessen Spritverbrauch fragte. Ziel des Deutschen war herauszufinden, wann sein Kontrahent eventuell Sprit sparen muss. "Dann hätte ich meine Attacke besser platzieren können", erklärt Rosberg seine Überlegung. "Es ist aber verboten, die Information weiterzugeben." Und genau deshalb antwortete ihm Tony Ross kurz und knapp: "Wir können das nicht kommentieren."

Offenbar hat das zweierlei Gründe: Erstens die FIA-Direktive, zweitens eine interne Mercedes-Richtlinie im Teamduell, nach der Spritmengen des Stallgefährten ein striktes Tabu sind. "Ich dachte mir: 'Scheiße!'", so Rosberg. Er bestätigt nochmals: "Ich habe keine Information erhalten, nur die für meinen eigenen Sprit." Motorsportchef Toto Wolff unterstreicht bei 'RTL', dass die Silberpfeile keinen Vorzug einräumen wollen: "Wir versuchen, Informationen absolut balanciert weiterzugeben."

Marc Surer glaubt: Hamilton-Funkspruch war Regelverstoß

Das hieße im Umkehrschluss, dass auch Hamilton bezüglich des Rosberg-Verbrauchs im Dunkeln tappte. Endgültig bestätigt ist das aber nicht, schließlich wird nur eine Auswahl von Funksprüchen im internationalen TV-Bild zeitversetzt eingespielt. Wolff war sich im Eifer des Gefechts nicht darüber im Klaren, was bei seinem Team über den Äther läuft: "Wieso es in diesem Fall nicht passiert ist, müssen wir uns noch ansehen", kommentiert er. Wusste Hamilton also doch mehr als er sollte?

Sein Renningenieur Peter Bonnington war schon zuvor etwas zu gesprächig - zumindest für den Geschmack des 'Sky'-Experten Marc Surer, der sich über Anweisungen zum so genannten "Lift and Coast", einer beliebten Fahrtechnik zum Benzinsparen, wunderte. "Ich habe mir in dem Moment gedacht: 'Das hätte er nicht sagen dürfen'", erinnert der Schweizer an die von Rennleiter Charlie Whiting zum Saisonauftakt bekräftige Regelauslegung. "Ich glaube, sie haben dann realisiert, dass es zu viel war. Der Renningenieur von Rosberg hat das wohl gewusst. Der von Hamilton ist wohl ein bisschen zu weit gegangen."

Überarbeiteter Mercedes-Motor verbraucht mehr Sprit

Noch seltsamer macht den Vorfall, dass Mercedes das Risiko einer Strafe gar nicht nötig hatte. "Es war nie kritisch", sagt Hamilton über den Verbrauch des W06 auf der als Benzinfresser bekannten Strecke in Montreal, die die Silberpfeile sogar mit weniger Kraftstoff als das 100-Kilogramm-Limit erlaubt in Angriff nahm. Er erklärt: "Man kann versuchen, am Anfang eine Lücke herauszufahren und dann später Sprit zu sparen." Genau das tat er: Um nicht auf abgefahrenen Reifen vom Gas gehen zu müssen, Temperatur in Pneus und Bremsen zu verlieren und zu schleichen, zog Mercedes die Sparmaßnahmen dann vor.

Hamilton weiter: "Deshalb habe ich 25 Runden vor Ende versucht, Benzin zu sparen, und deshalb ist Nico näher gekommen. Ich konnte ihn aber aus dem DRS-Fenster heraushalten und anschließend das Tempo kontrollieren." In der Schlussphase aller Sorgen ledig habe der Kommandostand beide Autos "einfach nur nach Hause bekommen" wollen. "Ich wusste am Ende, dass ich noch viel Sprit hatte", so Hamilton.

Der seit Kanada überarbeitete V6-Turbohybrid im Auto gönnte sich überraschenderweise den einen oder anderen Liter mehr. "Obwohl ich früher vom Gas gegangen bin", unterstreicht Hamilton und betont, dass sich Rosberg in Sachen Verbrauch in der günstigeren Position befand: "Außerdem fährt man hier oft im Windschatten und verbraucht damit weniger Benzin, wovon die Autos hinter mir profitiert haben."

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