Hamiltons emotionalste Pole: Ein Senna-Helm als Geschenk

, 10.06.2017

Lewis Hamilton räumte im Kanada-Qualifying auf ganzer Linie ab: Eine Fabelrunde, eine Rekord-Bestzeit und eine Trophäe für die 65. Pole, die ihn fast zu Tränen rührte

Für seine Fabelrunde im Qualifying zum Kanada-Grand-Prix am Samstag wurde Mercedes-Fahrer Lewis Hamilton nicht nur mit der Pole-Position entlohnt. Weil der Brite in Montreal den 65. ersten Startplatz seiner Formel-1-Karriere holte und in der ewigen Bestenliste mit Ayrton Senna auf dem zweiten Rang zwei gleichzog, erhielt er vor den Fans einen in einem Rennen getragenen Originalhelm seines Idols - es war eine Geste von dessen Familie. Hamilton übermannten die Emotionen.

Schluchzend bedankte er sich vor den prall gefüllten Tribünen und sprach von einer "großen Ehre" für ihn: "Es ist bewegend. Für viele von euch war Ayrton der Lieblingsfahrer, genau wie für mich." Er könne nicht glauben, das erreicht zu haben, was sein Kindheitsidol leistete. "Ich erinnere mich daran, von der Schule nach Hause gekommen zu sein und seine Videos angeschaut zu haben. Das ist doch skurril", schüttelt Hamilton den Kopf. Und den gelben Helm ließ er gar nicht mehr los.

Er brachte die Trophäe mit in die FIA-Pressekonferenz, wo sie die interessierten Blicke Sebastian Vettels auf sich zog - den Fragen der Journalisten hörten der Ferrari-Star und Hamilton nur mit halbem Ohr zu, als sie sich mit leuchtenden Kinderaugen über das Senna-Andenken austauschten.

Hamilton knackte Ralf Schumachers Rundenrekord von 2004

Zufrieden war Hamilton nach einem neuen Rundenrekord in 1:11.459 Minuten, mit dem er die alte Marke Ralf Schumachers (Williams) aus dem Jahre 2004 um mehr als acht Zehntelsekunden unterbot, ohnehin schon. "Ich hätte nicht gedacht, dass er so schnell wäre", staunt Mercedes' Team-Aufsichtsrat Niki Lauda. Sportchef Toto Wolff denkt an Hamiltons atemberaubende Montreal-Bilanz mit fünf Siegen in neun Rennen und gratuliert: "Eine Spitzenrunde. Es ist eben seine Strecke."

Hamilton hielt die Fabelzeit selbst nicht für möglich, nachdem er in Q3 nach eigener Aussage zunächst eine Sicherheitsrunde gesetzt hatte. Schon die Lebensversicherung war so schnell, dass sie für die Pole-Position gereicht hätte. "Ich dachte, ich sei längst am Limit, aber wir haben uns hingehockt und akribisch gesucht, wo wir etwas herausholen könnten", beschreibt der Ex-Champion, wie er mit seinen Ingenieuren vor dem abschließenden Versuch alles aus dem Auto quetschen wollte.

Motivation für die Truppe: Hamilton schickte E-Mail an Ingenieure

Am Volant richtete er es, auch wenn die gigantischen Zwischenzeiten seinen Puls in die Höhe trieben: "Ich sah, wie das Delta fiel und war aufgeregt, habe aber versucht, mich zusammenzureißen." Erfolgreich. Das Engagement der Crew kam nicht von ungefähr, denn zuvor hatte Hamilton sie besonders motiviert. "Ich habe meinen Jungs vor dem Qualifying eine Nachricht geschickt. Dass alles perfekt passen müsste, von den Schaltvorgängen bis hin zum Motor, weil wir jeden Millimeter bräuchten. Sie haben es hinbekommen", zeigt sich Hamilton stolz und gewillt, den Erfolg zu teilen.

Auch Wolff schwärmt von seinen Silberpfeilen, obwohl er im Vorfeld des Kanada-Grand-Prix die Favoritenrolle Ferrari zugeschoben hatte: "Ich bin immer pessimistisch. Im Englischen sagt man: 'Only fools are optimists'." Übersetzt bedeutet das: "Nur Dummköpfe sind Optimisten." Denn Mercedes ist klar, dass der W08 pfeilschnell ist, wenn die Reifentemperaturen stimmen, aber unfahrbar wird, wenn ein paar Grad Celsius fehlen - so wie in Monaco, als man im Mittelfeld versumpfte.

Am Ende stand für Hamilton "eine gnadenlos schnelle Zeit", wie Wolff es ausdrückt. Sie spülte ihn 0,330 Sekunden vor Sebastian Vettel und 0,718 Sekunden vor Teamkollege Valtteri Bottas, der laut dem Sportchef mit dem Set-up keine Probleme hatte. Vielmehr setzte der Finne seinen letzten Versuch mit einem Fahrfehler in der Haarnadel in den Sand. "Ich wollte schneller sein und habe mich in Kurve 10 verbremst", räumt er zerknirscht ein und hofft auf den Rennsonntag.

Wolff erwartet einen harten Kampf mit Ferrari: "Das Kräfteverhältnis ist unheimlich ausgeglichen. Ich denke, dass es auch morgen so sein wird", prophezeit der Österreicher und erwähnt, dass Vettel in der entscheidenden Phase des Qualifyings etwas aufgehalten worden sei. Lauda bläst bei dem Gedanken an das Duell mit Rot die Backen auf: "Das Rennen wird hart. Es ist nicht vorherzusehen, wer gewinnt, es wird ganz knapp", warnt die Rennlegende davor, Vettel schon abzuschreiben.

Noch keine Gedanken an Schumacher-Rekord verschwendet

Hamilton hat sich bereits überlegt, wo sein Senna-Helm einen Platz finden soll - wenn er das Original in seine Wohnung in Monaco geliefert bekommt. Das Schmuckstück wurde nämlich aus Transport- und Versicherungsgründen bei der Übergabe in Montreal durch eine Replik ersetzt. "Viel Platz für Trophäen habe ich nicht, aber dafür bestimmt", sagt Hamilton und denkt mit stolzgeschwellter Brust an sein Wohnzimmer. "Sodass es das Erste ist, was man sieht, wenn man reinkommt."

Besonders wertvoll mache den Helm die Tatsache, dass er ihn in der "schwierigsten Saison seiner Karriere" erhalten hätte. Der Zweikampf mit Ferrari brächte Mercedes - und wohl auch ihn selbst - an die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit und würde das Team zur Perfektion zwingen.

Und was, wenn er auch Michael Schumachers Rekord von 68 Poles knackt? Daran denkt Hamilton nicht: "Ich muss dankbar sein und den Augenblick genießen. So weit blicke ich nicht voraus", sagt der Brite, der aller Voraussicht nach 2017 nach Platz eins der ewigen Bestenliste greifen wird. "Ayrton war der Kerl, den ich von Anfang an kannte. Die Farbe seines Helmes ist mir als Kind aufgefallen. Michaels Bestmarke nahe zu sein und die Aussicht zu haben, sie zu erreichen, ist eine Ehre für sich, aber noch ist es alles Konjunktiv", so Hamilton.

Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko erkennt in der Geste den neuen Zeitgeist der Formel 1: "Es bedeutet natürlich sehr viel", sagt die Rennlegende, spielt aber auf die Vermarktung durch Liberty Media an. "Man ist bemüht, mehr Gefühle reinzubringen - so wie der weinende Bube. So ist es jetzt wieder", erinnert an Marko an einen Sechsjährigen, der nach einem Heulkrampf im TV-Bild zu einem Treffen mit Idol Kimi Räikkönen in das Fahrerlager eingeladen wurde. "Es zeigt, dass Leute wie Hamilton im entscheidenden Moment große Gefühle zeigen können."

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