Lewis Hamilton gibt zu: Er wollte auf die Strategie pfeifen

, 09.12.2015

Weltmeister Lewis Hamilton räumt ein, dass er in Mexiko und Abu Dhabi daran gedacht habe, die Anweisungen des Teams zu ignorieren

Die letzten drei Saisonrennen der Formel 1 2015 gingen allesamt an Nico Rosberg, der sich damit trotz des verlorenen Titels mit einem positiven Gefühl in die Winterpause verabschiedet. Weltmeister Lewis Hamilton musste sich stets mit zweiten Plätzen zufriedengeben und äußerte sogar Gefühle, dass Mercedes Rosberg eventuell dabei geholfen habe. Denn gleich mehrfach war Hamilton über seine Strategie unglücklich.

In Mexiko-Stadt und beim Saisonfinale in Abu Dhabi wurde er quasi sanft über Funk gezwungen, in die Box zu kommen und so die gleiche Strategie wie sein Teamkollege zu fahren, obwohl er gerne draußen geblieben wäre und einen Stopp weniger gemacht hätte. "Checkt die Reifen. Das kann nicht sein", raunzte er beispielsweise in Mexiko über den Funk als man ihm sagte, dass seine Pneus die restliche Distanz nicht durchhalten würden.

Nach einigen Diskussionen beugte sich Hamilton der Teamentscheidung - und verlor das Rennen. Im exklusiven Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' verrät der Brite nun, dass er sogar daran gedacht habe, auf die Ansage des Teams zu pfeifen. "Natürlich, sicher!", gibt er unumwunden zu und sieht sich zumindest für Mexiko im Recht. "Sie haben mir gesagt, dass die Reifen nicht halten würden. Die Lebensdauer der Reifen war aber 70 oder 80 Runden. Sie hätten gehalten", erklärt er. "Das fand ich im Nachhinein heraus, also wusste ich, dass ich tatsächlich draußen bleiben hätte können. Ich hätte die ganze Renndistanz geschafft, ohne Problem."

Hamilton: "Es geht um 1.300 Menschen"

Seinem Team macht er deswegen allerdings keinen Vorwurf, denn man habe es nicht besser wissen können, schließlich waren beispielsweise auch die Ereignisse um Sebastian Vettels Reifenschaden in Spa-Francorchamps noch nicht so lange her. "Aber zumindest wusste ich danach für mich selbst, dass ich mit der Entscheidung, über die ich nachgedacht habe, tief im Herzen richtig lag", ist Hamilton mit sich und seiner Meinung im Reinen.

Was ein Rennfahrer in so einer akuten Situation wie damals allerdings nicht bedenkt: Er ist Teil eines großen Teams. Zwar kann er für sich persönlich eine Entscheidung treffen, die aus seiner Sicht vielleicht besser sein mag, doch was an dieser Entscheidung noch dranhängt, wird im Kopf womöglich zu diesem Zeitpunkt ausgeblendet. Doch eigentlich weiß Hamilton: "Du musst ja auch kleiner treten und realisieren, dass es nicht nur um dich geht. Es geht um 1.300 Menschen."

"Wenn ich eine egoistische Entscheidung treffe, kann sich die auf all diese Menschen auswirken", so der dreimalige Weltmeister weiter. "Also nein, ich treffe die Entscheidung nicht allein, sondern ich versuche sicherzustellen, dass ich die richtige Entscheidung für alle treffe." Bislang hat sich der Egoismus von Hamilton auf der Strecke am Ende doch nicht durchsetzen können, doch die theoretische Möglichkeit zur Rebellion hätte er gehabt. Und was hätte Mercedes gemacht, wenn sich Hamilton in aller Öffentlichkeit widersetzt hätte? Hätte Motorsportchef Toto Wolff dann einen Puls von 180?

Dem Fahrer fehlt das Gesamtbild

"Über die Tobphase bin ich hinweg", lacht der Österreicher gegenüber 'Motorsport-Total.com'. Er glaubt ohnehin nicht, dass sich sein Fahrer über die Anweisungen des Teams hinwegsetzen würde. "Das würde er nicht machen", ist Wolff überzeugt. "Weil die Jungs, obwohl sie natürlich Alphatiere sind und im Auto den eigenen Vorteil suchen, auch wissen, welche enormen Ressourcen und wie viele Menschen an diesem Erfolg beteiligt sind und an diesem Erfolg mitarbeiten."

Zudem wisse ein Fahrer überhaupt nicht, welche Informationen und Gründe das Team hat, um so eine Entscheidung zu treffen. "Es kann ja beispielsweise sein, dass er ein Problem auf dem Motor hat, wie es in Abu Dhabi der Fall war. Es kann sein, dass andere externe Faktoren, die für ihn nicht ersichtlich sind, eine Rolle dabei spielen", so Wolff, der darauf baut, dass die Piloten den Anweisungen blind vertrauen.

"Es stimmt sicher, dass du nicht das Gesamtbild siehst, wenn du im Auto sitzt. Also musst du den Jungs vertrauen können", nickt Hamilton ab, muss aber auch betonen, dass der Fahrer nicht zwangsläufig die schlechtere Entscheidung im Kopf haben muss - wie in Mexiko. "Wenn jede Box ihre eigene Entscheidung treffen hätte dürfen, dann wäre ich weitergefahren - und ich hätte das Rennen gewonnen, denn meine Reifen hätten locker gehalten", unterstreicht der Brite.

Mercedes hält an gleichen Bedingungen fest

"Meistens ist das Team in der besten Position, die Situation einzuschätzen, aber dann und wann weiß es der Fahrer vielleicht besser. Aber du arbeitest als Team", so Hamilton. Und als Team möchte Mercedes seinen Piloten möglichst die gleichen Ausgangsbedingungen geben, so lange man so frei um die Spitze fahren kann, wie es 2014 und 2015 der Fall war - auch um den Teamfrieden zu wahren. Denn mit unterschiedlichen Strategien könnte es letzten Endes zu einer Konfrontation kommen, die die Truppe langfristig schwächen könnte.

"Es würde trotzdem einer gewinnen und einer verlieren", erklärt Wolff. "Und wenn einer verliert, würde er versuchen Ausreden zu finden, warum er verloren hat. Also denke ich, dass es besser ist, man managt das zentral und bietet trotzdem beiden gleiche Chancen und gleiches Material." Doch man muss auch bedenken, dass die WM in Mexiko und Abu Dhabi schon gelaufen war. Ob Hamilton genauso reagiert hätte, wenn der Titel noch auf dem Spiel gestanden hätte, steht auf einem anderen Blatt.

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