Muss die Formel 1 gefährlicher werden?

, 24.06.2015

Niki Laudas Forderung nach "echten Männern" im Cockpit regt Fahrer, Teambosse und Experten zu Meinungen über den Nervenkitzel der aktuellen Formel 1 an

"Es müssen wieder echte Männer fahren und keine Jünglinge, die nur an Knöpfen am Lenkrad spielen." Mit diesen Worte forderte der dreimalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda vor wenigen Tagen, dass die Formel 1 schwieriger und auch ein Spur gefährlicher werden solle. "Man muss etwas tun, damit es für die Leute wieder spannender wird zuzusehen, damit man die Geschwindigkeit sieht und es ein bisschen gefährlicher wird. Das gehört dazu", hatte auch Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen verlauten lassen.

Lauda und Räikkönen stehen mit ihrer Meinung nicht allein da. "Die Gefahr ist ein Teil dieses Sports", findet auch Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko. "Heutzutage vermitteln die Kohlefaser-Chassis einen relativ hohen Sicherheitsstandard. Wenn alles schiefgeht, wie bei Bianchi, kann es aber immer noch sehr gefährlich sein", bemerkt Marko gegenüber 'f1i.com' in Anspielung auf den schweren Unfall von Marussia-Pilot Jules Bianchi beim Grand Prix von Japan 2014.

Um das Heraufbeschwören von Unfällen geht es Marko, Lauda und Co. bei ihren Ausführungen aber keineswegs. Dass die Formel 1 mit Gefahr verbunden ist, wissen sie selbst am besten. Laudas Leben hing nach dem Feuerunfall beim Grand Prix von Deutschland 1976 auf dem Nürburgring am seidenen Faden. Marko verlor beim Grand Prix von Frankreich 1972 in Clermont-Ferrand sein linkes Augenlicht und musste seine Rennfahrerkarriere daraufhin beenden.

Formel 1 heute fast so sicher wie an der Spielkonsole

Worum des beiden Österreichern vielmehr geht, sind Veränderungen an den Rennstrecken und den Autos, um für Fahrer und Zuschauer den Nervenkitzel zu erhöhen. "Was ich wirklich langweilig finde, ist, dass es am Red-Bull-Ring wie auf vielen anderen Strecken so große Auslaufzonen gibt, dass ein Fahrer im Falle eines Fehlers nicht mehr bestraft wird", rümpft Marko die Nase.

Marc Surer stimmt zu. "Heutzutage ist es fast so sicher wie an der Spielkonsole. Wenn man mal neben der Strecke fährt, dann passiert nichts. Ein Fehler hat kaum noch Konsequenzen. Das nimmt ein bisschen das Gänsehaut-Gefühl und hat das Flair der Formel 1 verändert", findet der Schweizer, früher selbst Formel-1-Pilot und heute als Experte tätig.

"Zur Zeit, als der Niki gefahren ist, war ein Fehler mit einem Unfall verbunden, mit einer Verletzung verbunden. Der Sport war gefährlich", erinnert sich Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff und stellt fest: "Das hat sich verändert, weil wir im Sinne der Sicherheit die Autos verbessert und die Rennstrecken verändert haben. Vielleicht sind wir in Kombination all dieser Entscheidungen soweit gekommen, dass die Empfindung der Leute die ist, dass es nicht mehr so gefährlich ist."

"Man sieht, wie die Fahrer in jeder zweiten Runde neben der Strecke sind, aber es hat einfach keine Konsequenzen. Zumindest das Auto sollte dabei beschädigt werden", sinniert Marko und unterstreicht: "Autos, die derart sicher und einfach zu fahren sind plus die riesigen Auslaufzonen - so sollte sich der Rennsport nicht präsentieren."

Und wie stellt sich die Sichtweise aus dem Cockpit dar? Max Verstappen findet, dass die Formel 1 anno 2015 durchaus eine Herausforderung darstellt. "Die Autos sind recht schwierig zu fahren", sagt der 17-jährige Toro-Rosso-Pilot, hat allerdings auch keine Vergleichswerte aus früheren Jahren.

Toto Wolff sieht es ähnlich wie Verstappen und verweist auf den Force-India-Test von Ex-Formel-1-Pilot Martin Brundle vor wenigen Wochen in Silverstone: "Er hat gesagt, es ist unheimlich 'tricky'. Das Drehmoment ist brutal und mit den Standard-Reifen von Pirelli ist das Auto einfach schwierig an der Haftgrenze zu fahren."

Rennstrecken oder Autos: Wo setzt man an?

Jenson Button kann die Forderungen nach Veränderungen nachvollziehen, merkt aber an: "Ich würde nicht das Wort 'gefährlich' verwenden, weil das nicht die richtige Richtung ist. Wenn man aber die Autos in den Kurven schneller macht, dann geht es in die Richtung, die gemeint ist. Es ergibt keinen Sinn, die Strecken unsicherer zu machen. Die Autos in den Kurven schneller zu machen, wäre aber eine gute Sache - so lange es richtig gemacht wird und dem Racing nicht schadet."

Beim Thema Veränderung der Rennstrecken weist FIA-Rennleiter Charlie Whiting auf einen wichtigen Punkt hin, nämlich, dass die Zuschauer auf vielen Strecken weiter vom Geschehen entfernt sitzen als es aus heutiger Sicht notwendig wäre. Hintergrund: Auf vielen Formel-1-Strecken wurden Kiesbetten durch asphaltierte Auslaufzonen ersetzt.

"Rennstrecken, die vor zwölf bis 15 Jahren entstanden sind, haben Auslaufzonen, die ein bisschen zu groß sind. Heutzutage würde man diese Auslaufzonen nicht mehr so groß gestalten, weil es viel mehr Erfahrungswerte gibt, wie die Autos in bestimmten Kurven die Strecke verlassen. Zudem haben wir heutzutage bessere Barrieren", sagt Whiting.

Hinsichtlich einer Verbesserung der Show muss man aus Sicht der Fahrer weniger an den Strecken als vielmehr bei den Autos ansetzen. "Mechanischer Grip ist enorm wichtig und beim Abtrieb muss man es hinbekommen, dass die Autos nicht so sehr von verwirbelter Luft beeinträchtigt werden", sagt Button und spricht damit auf die leidige Überholproblematik an.

Maldonado sorgt für Emotionen

Pastor Maldonado bestätigt. "Verglichen mit früher hat sich vieles verändert. Heute hat man DRS und all die Möglichkeiten, um auf einer Geraden zu überholen. Deshalb riskieren die Fahrer keine Rad-an-Rad-Kämpfe in den Kurven", bemerkt der Lotus-Pilot gegenüber 'Formula1.com', wohl wissend, dass er selbst häufig für den größten Unterhaltungswert sorgt: "Ich glaube, viele Leute warten regelrecht darauf, dass ich in den Rennen für ein paar Emotionen sorge."

"Ich bin sicher einer der Fahrer, die beim Überholen ein größeres Risiko eingehen", charakterisiert Maldonado seinen Fahrstil und sieht darin sowohl Positives als auch Negatives: "Manchmal ist es gut, weil sich alle freuen, wenn ich jemanden überhole. Manchmal funktionieren die Manöver nicht und alle zeigen mit dem Finger auf mich. Natürlich habe ich in meiner Karriere Fehler gemacht. Ich habe aber gleichzeitig auch gute Rennen gezeigt", so der Sieger des Grand Prix von Spanien 2012.

Für die Zukunft der Formel 1 wünscht sich Marc Surer eine weiter oben angesetzte Schwelle, "sodass man nicht ohne weiteres ans Limit gehen kann". Die Autos können nach Aussage des Schweizers "gerne 200 PS mehr haben".

Berger nimmt Todt und Ecclestone in die Pflicht

Auch Gerhard Berger findet, das etwas getan werden muss. "Es ist aber komplex, ein Reglement grundlegend zu ändern und sicherzugehen, dass sämtliche Konsequenzen daraus auch in einem halben oder einem Jahr greifen und wir einen noch spannenderen Sport sehen. Da wurden schon einige Schnellschüsse gemacht, die dann doch nicht so gut waren", erinnert der Österreicher.

So fordert Berger: "Die beiden Topleute, also auf der FIA-Seite Jean Todt und auf der FOM-Seite Bernie Ecclestone, sind jetzt gemeinsam gefordert, zu sagen, was nötig ist, was der Fan braucht und was nötig ist, damit es wieder spektakulärer wird. Handlungsbedarf ist auf jeden Fall da."

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