Nach Auftaktsieg in Melbourne: Ist Ferrari wirklich titelreif?

, 27.03.2017

Wieso die ganz große Ferrari-Euphorie trotz der Sternstunde in Melbourne verfrüht ist, wie fleißig Sebastian Vettel arbeitet und worauf es nun ankommen wird

Sieben Jahre ist es her, dass Ferrari zum letzten Mal den Saisonauftakt in Melbourne gewann. Eine Zahl, die die schicksalgläubigen Italiener nun träumen lässt: Denn es war das letzte Mal, dass die Scuderia - damals mit Kimi Räikkönen - den WM-Titel nach Maranello holte. Doch Sieger Sebastian Vettel weiß nach den harten Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre, dass dies enorme Gefahren birgt.

"Wir haben jetzt ein Rennen gewonnen, aber damit hört es nicht auf", tritt der WM-Leader auf die Euphoriebremse. "Es ist erst der Anfang. Wir müssen noch viel beweisen." Während die Scuderia überall bereits als großer Herausforderer von Mercedes gesehen wird, tritt der 29-Jährige ein zweites Mal gehörig auf die Bremse: "Über den WM-Kampf kann man noch gar nichts sagen. Nullkommanull."

Auch wenn es viele Ferrari-Fans nur ungern hören: Der viermalige Weltmeister hat recht. Ferrari ist es zwar gelungen, ein starkes Auto zu bauen, doch vom Titel zu sprechen, wäre verfrüht. Der Kurs im Albert Park ist als atypische Rennstrecke bekannt, außerdem hat der neue Mercedes F1 W08 noch etwas Winterspeck an den Hüften.

Mercedes noch nicht in Topform

Fünf Kilogramm sind es, die der F1 W08 noch über dem Mindestgewicht liegt - das sind rund zwei Zehntel pro Runde. Oder rund zwölf Sekunden pro Rennen. Rechnet man diesen Nachteil weg, hätte das Ergebnis anders aussehen können, obwohl die 9,9 Sekunden, um die Vettel am Ende vor Hamilton war, nur bedingt repräsentativ war, weil beide in der Endphase nicht mehr richtig Tempo machten.

Das liegt auch daran, dass es so schwierig ist, mit den neuen Autos zu überholen. "Ich kann nicht sagen, welches Auto heute das schnellere war", meint auch Ferraris Chefingenieur Jock Clear. "Es ist so schwierig zu überholen. Daher hätte es für Seb nach dem Start keinen Sinn ergeben, Lewis massiv unter Druck zu setzen. Er hätte seine Reifen kaputtgemacht. Und das gleiche zeigte sich, als wir vorne waren. Da hat Lewis auch nicht wirklich gepusht. Wir wissen also noch immer nicht genau, wie schnell wir wirklich sind."

Wer trotzdem sicher ist, dass Ferrari nach den starken Tests nun endgültig in Titelform ist, dem sei zudem ans Herz gelegt: Hätte Ferrari im Vorjahr im Albert Park nicht bei der Strategie gepatzt, hätte man vermutlich auch 2016 den Saisonauftakt für sich entschieden. "Sie haben das Rennen im Vorjahr angeführt", erinnert sich auch Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. "Das war für uns eines der engeren Rennen, und wir haben wegen der Strategie gewonnen."

Ferrari trieb Mercedes in die Enge

War es dieses Jahr genau umgekehrt? Haben die Silberpfeile verloren, weil man bei der Strategie patzte? Optimal war die Entscheidung des Mercedes-Kommandostands nicht, Hamilton schon in Runde 17 hereinzuholen, doch die Strategen mussten agieren.

Bis Runde 8 hatte sich der Brite mit Zeiten im hohen 1:28er-Bereich noch zurückgehalten, doch dann verschärfte er das Tempo um eine halbe Sekunde. Vettel konnte aber scheinbar mühelos reagieren und kam sogar näher. Aus Angst vor einem Undercut musste Mercedes also reagieren, zumal die Reifen an Hamilton Boliden überhitzten.

Fakt ist aber: Vettel hat nach den starken Tests Blut geleckt und ist top-motiviert, sein Ferrari-Projekt, das bereits wie ein Albtraum anmutete, doch noch zum Erfolg zu machen. Zudem kommt die neue Bolidengeneration mit den deutlich verbesserten Pirelli-Pneus seinem Fahrstil entgegen.

Wie Vettel um sein rotes Happy End kämpft

Um den Eifer des Heppenheimers zu erkennen, reichte in Melbourne ein Blick in die Ferrari-Box. Am Freitag- und am Samstagabend arbeitete Vettel noch bei Dunkelheit mit seinen Mechanikern, um den SF70H perfekt vorzubereiten. Erst eine halbe Stunde vor Mitternacht verließ der spätere Sieger das Fahrerlager - da war manch ein Kollege wohl bereits auf dem Weg ins Bett. Und nach dem Sieg umarmte Vettel in der Box jeden einzelnen Mechaniker. Idol Michael Schumacher, der zu seiner Crew ebenfalls eine besondere Beziehung aufbaute, lässt grüßen.

Genau diese Arbeitshaltung ist nun notwendig, will Ferrari das Titelwunder nach drei Jahren Mercedes-Dominanz wirklich möglich machen. Das weiß auch Chefingenieur Clear, der vor seiner Ferrari-Ära in Brackley arbeitete. "In Wahrheit ist Mercedes ein Team, das sehr schwer zu schlagen ist", meint er gegenüber 'Sky.de'. "Dennoch haben wir gewonnen. Dieses tolle Gefühl werden wir jetzt ein paar Tage lang genießen, aber dann geht es weiter. Wir müssen entwickeln, müssen pushen, denn nächste Woche ist wieder eine andere Geschichte."

Antwort erst in Bahrain?

Er glaubt aber, dass der SF70H das Potenzial zum Triumph hat: "Mit diesem Auto können wir kämpfen." Der Schlüssel wird sein, die Basis von Ex-Technikchef James Allison, der kurioserweise nun bei Mercedes die Technikverantwortung trägt, nun konsequent weiterzuentwickeln, denn durch die Reglementrevolution ist die neue Technik och kaum ausgereizt. Auch in den Wochen vor dem Saisonstart war man fleißig: In Australien schraubte man einen neuen Diffusor, neue Luftleutbleche und Rückspiegel-Halterungen ans Auto - mit Erfolg, wie sich zeigte.

Doch wann wird man wirklich wissen, ob es Ferrari dieses Jahr auf die Dauer mit Mercedes aufnehmen wird können? Vermutlich erst beim dritten Rennen in Bahrain, denn auch der nun bevorstehende Grand Prix von China fordert die Autos auf ungewöhnliche Weise. Während normalerweise der Hinterreifen zuerst in die Knie geht, ist es in Schanghai der Vorderreifen - außerdem leiden fast alle unter zu geringen Reifentemperaturen.

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