Rennvorschau Barcelona: Trendwende bei Update-Schlacht?

, 06.05.2015

Warum der Grand Prix von Spanien richtungsweisend wird, wie Nico Rosberg seinen Stallrivalen Lewis Hamilton schlagen will und wer was in die Update-Schlacht wirft

Die erste Überseeetappe der Formel-1-Saison 2015 hat einen klaren Sieger: Lewis Hamilton. Der amtierende Weltmeister kommt mit einem Vorsprung von 27 WM-Punkten auf seinen Stallrivalen Nico Rosberg und 28 Zählern auf Ferrari-Ass Sebastian Vettel zum Europaauftakt, der dieses Wochenende auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya steigt.

Obwohl Hamilton drei der vier bisherigen Rennen gewann und die Nase stets vor Rosberg hatte, birgt der Grand Prix von Spanien viel Spannung. Bei keinem Grand Prix werden so viele Updates an die Boliden geschraubt wie in Spanien - die Teams kennen den Kurs von den Testfahrten gut, außerdem liegt dieser im Vergleich zu den Rennen am anderen Ende der Welt nur unweit der Fabriken. Zudem hatten die Rennställe nun drei Wochen Zeit, um in den Windkanälen an ihren Autos zu feilen. Die Updateflut könnte das Kräfteverhältnis daher durchaus beeinträchtigen.

Barcelona gibt die Richtung vor

Außerdem könnte der Grand Prix in Barcelona in Hinblick auf das Kräfteverhältnis 2015 auch die letzten Fragen beantworten, wie der Mercedes-Aufsichtsratsvorsitzende Niki Lauda gegenüber der 'APA' andeutet: "Barcelona ist einer der schwierigsten Kurse überhaupt. Wenn das Auto dort gewinnt, kann man davon ausgehen, dass es auch in den nächsten drei, vier Rennen gut ist. Wenn es dort Probleme hat, kann man davon ausgehen, dass sich das auch in den nächsten drei, vier Rennen nicht ändert." Spanien wird also in jedem Fall ein richtungsweisendes Rennen.

Auch für Rosberg. Der Deutsche geriet bei den ersten drei Rennen durch Hamilton komplett unter die Räder, in Bahrain zeigte er sich dann immerhin kämpferisch und glänzte mit starken Überholmanövern, zu denen er teilweise gezwungen wurde, weil sich Hamilton als Leader die Strategie aussuchen konnte. Möglicherweise verleihen die Aktionen Rosberg neuen Mut, denn vor allem im WM-Endspurt 2014 sah er in den direkten Duellen gegen Hamilton gar nicht gut aus.

Rosberg: Neuer Anlauf mit neuem Elan?

Zudem meinte Rennlegende Jackie Stewart nah Bahrain gegenüber 'Autosport', dass dem Wiesbadener die Rennpause guttun wird: "Wir hatten zwei direkt aufeinanderfolgende Wochenenden, aber jetzt kann er etwas Abstand nehmen und einen klaren Kopf bekommen." Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff traut Rosberg die Trendwende zu: "Nico wäre kein mehrfacher Rennsieger in der Formel 1 und ein Kandidat für den Titel, wenn er nach ein paar Rennen zusammenbrechen würde. Ich erwarte, dass er wieder zurückschlägt."

Die Revanche wäre nun überfällig, denn Hamilton droht in der WM zu enteilen. Und wenn dann auch noch Ferrari weiter an den Fersen der Silberpfeile klebt, dann könnte das die Mercedes-Schlachtenlenker dazu zwingen, alles auf eine Karte - also Hamilton - zu setzen.

Noch wird Rosberg von Lauda angespornt, sich gegen den Briten zur Wehr zu setzen: "Er muss versuchen, den Lauf von Lewis zu brechen. Und zwar jedes Rennen neu. Alles, was vorher war, einfach vergessen. Er kann Lewis momentan nur unter Druck setzen, wenn er ihn mal mit seinem Speed schlägt. Dann fängt auch beim anderen das Denken an."

Qualifying wichtig, Überholen aber nicht unmöglich

Ein Rat, den sich Rosberg offenbar zu Herzen nehmen will. Anstatt sich durch Niederlagen und deren Rechtfertigungen vor der Presse aus der Konzentration reißen zu lassen, will er "nun einfach ein paar coole Rennen fahren", meinte er nach dem Grand Prix von Bahrain, den er als Dritter beendete. "Ich muss vielleicht in Zukunft weniger denken, sondern wieder mehr fahren." Die WM hat er noch nicht abgeschrieben: "Noch ist nichts verloren."

In Barcelona könnte es die richtige Strategie sein, einen größeren Fokus auf das Qualifying zu legen. Acht der vergangenen zehn Rennen in Spanien wurden von der Pole-Position aus gewonnen, lediglich eines von einem Fahrer, der nicht aus der ersten Reihe startete. Im Vorjahr standen Hamilton und Rosberg in der ersten Startreihe und kamen in der gleichen Reihenfolge nur durch wenige Zehntel getrennt ins Ziel.

Es gibt wie im Vorjahr zwei DRS-Zonen - eine bei Start-Ziel und eine auf der Gegengeraden. Das verspricht immerhin etwas mehr Spannung als die Rennen im vergangenen Jahrzehnt, als an Überholmanöver meist kaum zu denken war. "DRS ist in Barcelona wirklich ein großer Pluspunkt", findet Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo. "Weil alle die Strecke und das Setup von den Tests so gut kennen, waren die Rennen in der Vergangenheit etwas fad. Das ist durch DRS vorbei."

Kein Chaosrennen zu erwarten

Ein wahres Chaosrennen ist aber in Barcelona nicht zu erwarten: Der Wetterbericht prognostiziert für den Rennsonntag sonniges und klares Wetter, an den Tagen davor können ein paar Wolken die Postkarten-Atmosphäre trüben, mit Regen ist aber nicht zu rechnen. Die Quecksilbersäule kann auf rund 25 Grad Celsius nach oben klettern.

Seit 2003 gab es in Barcelona fünf Safety-Car-Phasen, vier davon wegen Unfällen in der ersten Runde - ein absolut unterdurchschnittlicher Wert. Der Spritverbrauch ist durchschnittlich, sollte als auch nicht ins Gewicht fallen, ähnliches gilt für die Bremsen. Die Reifen sind allerdings auf dem Retortenkurs in Montmelo, der seit 1991 im Kalender ist, stets ein Thema.

Asphalt so rau wie auf keiner anderen Strecke

Auf keiner anderen Formel-1-Strecke ist der Asphalt so rau, das hohe Drehmoment der neuen Turbo-Antriebseinheiten sorgten im Vorjahr zusätzlich für ein rasches Einbrechen der Hinterreifen, wodurch die Rundenzeiten in den Keller fielen. Für dieses Jahr rechnet Pirelli aber nicht mit einer Wiederholung, denn die Italiener haben bei den Hinterreifen nachgebessert.

"Deswegen werden wir im Gegensatz zum Vorjahr in Barcelona wieder ein Rennen sehen, in dem sich die Vorderachse als limitierendes Kriterium erweist", prognostiziert Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery. Das bedeutet, dass die Vorderreifen - vor allem der links vorne, der in der langgezogenen Kurve drei am Limit sein wird - vor den Hinterreifen abbauen werden. Wegen des Asphalts sowie der schnellen Kurven, in denen extrem viel Energie durch die Reifen geleitet wird, bringt Pirelli wie im Vorjahr die Mischungen Medium und Hard nach Barcelona.

Trotz der besseren Haltbarkeit der Hinterreifen sowie der optimierten Fahrbarkeit der Motoren rechnet Hembery wieder mit einem Zwei-Stopp-Rennen: "Im vergangenen Jahr nutzte die Mehrheit der Fahrer eine Zweistoppstrategie, das wird wahrscheinlich auch am kommenden Wochenende der Fall sein."

Ferrari: Rückt man Mercedes noch näher?

Man wird sehen, inwiefern sich das auf das Kräfteverhältnis auswirken wird - in Malaysia, als die Reifen besonders am Limit waren, erwies sich Ferrari als besonders stark. Die Italiener setzten bislang bei ihren Updates auf eine konservative Strategie, änderten wenig, aber waren dabei effektiv. Die Windkanaldaten bestätigen sich dieses Jahr auf der Strecke. Für Barcelona droht Teamchef Maurizio Arrivabene der Konkurrenz: "Wir entwickeln Schritt für Schritt, aber in Barcelona werden wir endlich ein gutes Paket haben."

Auch Red Bull hofft in Spanien auf einen großen Sprung: Die vielgescholtene einstige Weltmeistertruppe rechnet nun endlich mit der neuen kurzen Nase, die man eigentlich bereits in Melbourne an den RB11 schrauben wollte. Weil diese bei dutzenden Crashtests scheiterte, musste man auch das restliche Aerodynamik-Paket - ein neuer Frontflügel und das darauf abgestimmte Heck - zurückhalten.

Red Bull: Ricciardo rechnet mit "magischem Schalter" in Barcelona

"Das Paket sollte unsere Probleme mit dem Chassis lösen und uns einen großen Performance-Schritt ermöglichen", verspricht Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko gegenüber 'Globo'. Und Ricciardo stimmt in den Tenor ein. "Ich glaube an diesen einen 'magischen Schalter', und wir haben die richtigen Leute im Team, die ihn umlegen können", sagt er gegenüber 'Autosport'. "Ich will mich nicht zu sehr darauf verlassen, denn sonst wird man schnell enttäuscht, aber wenn man sieht, was Ferrari gelungen ist, dann ist es durchaus im Rahmen der Möglichkeiten, dass das auch uns gelingt."

Marko legt nach: "Damit sollten wir Williams herausfordern können, vorausgesetzt, dass auch Renault seine Arbeit macht." Ein deutlicher Fingerzeig in Richtung Viry-Chatillon, wo man auch beim vergangenen Rennen in der Wüste enttäuschte. In Barcelona wollen die Franzosen mit einem großen Update mehr Leistung bringen, doch die Brandherde in Sachen Zuverlässigkeit sind längst noch nicht im Griff.

In Bahrain ging bei Ricciardo die dritte Antriebseinheit in Rauch auf, weshalb in Barcelona beim fünften Saisonrennen - also einem Viertel der Saison - bereits das vierte Triebwerk eingebaut werden muss. Zur Erinnerung: Ab dem fünften gibt es eine Strafe. Ursache für den Schaden war das gleiche Kolben-Problem wie bei Toro-Rosso-Pilot Max Verstappen in China. Eine Lösung hat Renault erst für Monaco angekündigt, also heißt es bei den Red-Bull-Teams weiter zittern.

Kann McLaren ersten großen Schritt machen?

Lauda erwartet trotz der angekündigten Update-Flut keine Konkurrenz von Red Bull, was übrigens auch für McLaren-Honda gilt: "Red Bull und McLaren sind in einer anderen Phase als wir." Lokalmatador Fernando Alonso, der im Februar in Barcelona einen mysteriösen Testunfall hatte, und Jenson Button fiebern seit Saisonbeginn auf den Spanien-Grand-Prix hin, wo man einen ersten großen Schritt nach vorne machen will.

Dann wird eine Motorenausbaustufe zum Einsatz kommen, die über deutlich mehr Leistung, eine stark verbesserte Fahrbarkeit und Zuverlässigkeit verfügen soll. Zudem wird der McLaren in einer neuen Farbgebung erscheinen: Der Chrom-Look soll verschwinden, das Auto von nun an grau lackiert sein.

Lotus, Susie Wolff und Marciello wollen Augen öffnen

Gespannt darf man auch auf Lotus sein: Die Truppe aus Enstone erwies sich bislang in dieser Saison als deutlich erstarkt, regelmäßige Startplätze in den Top 10 und bislang zwölf WM-Punkte sind die Folge. Für Spanien kündigte der stellvertretende Teamchef Federico Gastaldi ein Update an, bei dem "einige Augen machen werden". Mehr wollte er nicht verraten. Barcelona wird also in jedem Fall auch für die Technikspezialisten und Boxenspione einer der Saison-Höhepunkte werden.

Daher wird auch schon der Freitag interessant, zumal es bereits im ersten Freien Training interessante Auftritte geben wird: Bei Williams misst sich Testpilotin Susie Wolff wieder einmal mit ihren männlichen Kollegen, bei Sauber greift der vielversprechende Ferrari-Junior Raffaele Marciello, der auch in der GP2 antritt, ins Lenkrad.

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