Tost: Wie weit die Rivalität zwischen Verstappen und Sainz ging

, 15.08.2016

Teamchef Franz Tost packt aus: Wie Toro Rosso unter der Rivalität zwischen Max Verstappen und Carlos Sainz litt und wieso das Duell noch nicht zu Ende ist

Sogar Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko sprach von einer "ziemlichen Unruhe", als er auf den Stallkrieg zwischen Max Verstappen und Carlos Sainz bei Toro Rosso angesprochen wurde. Und der Spanier, der nach der Beförderung des Niederländers nun Daniil Kwjat als Teamkollegen hat, tritt nun sanft nach: "In Sachen Teamdynamik ist jetzt alles etwas offener. Alle arbeiten nun besser zusammen, wir sind nun eher ein Team."

An wen diese Aussagen gerichtet sind, bedarf keiner großen Erklärungen. Doch was lief in den gemeinsamen eineinhalb Jahren wirklich zwischen Sainz und Verstappen? Wie sehr gerieten sich die beiden Nachwuchspiloten des Red-Bull-Kaders in die Haare?

'Motorsport-Total.com' hat bei Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost nachgefragt. Der Österreicher gibt sofort zu: "Es gab Rivalität." Das sei aber ganz natürlich, "denn beide Fahrer haben enormes Talent, sind sehr schnell und wollen das gleiche Ziel erreichen, nämlich Rennen gewinnen und Formel-1-Weltmeister werden. So etwas verursacht Reibung, und die hat es gegeben."

Melbourne 2016: Stallkrieg ruiniert Saisonauftakt

Den Höhepunkt erreichte das Stallduell laut Tost dieses Jahr beim Saisonauftakt in Melbourne: Toro Rosso war als Geheimtipp in das Wochenende gegangen, schließlich galt das Chassis von James Key als großer Wurf, und der Motorennachteil mit der alten Ferrari-Antriebseinheit würde sich noch nicht so stark auswirken wie später in der Saison.

Und tatsächlich lief das Rennen vielversprechend - bis zum Abbruch nach dem Crash von Fernando Alonso. "Vor der roten Flagge waren wir Fünfter und Sechster, am Ende des Rennens waren wir Neunter und Zehnter", nennt Tost die Fakten.

Der Grund für den Rückfall war das erbitterte Duell zwischen Verstappen und Sainz. "Carlos hat sich in der Safety-Car-Phase, als er und Max knapp hintereinander waren, die Reifen ruiniert, weil er sie so aggressiv aufgewärmt hat und sich mehrmals verbremste", gibt Tost Preis. Wegen der enormen Vibrationen wurde ein Boxenstopp notwendig - das Timing war aber keineswegs optimal. "Wir haben ihm gesagt, dass wir ihn nicht gleich hereinholen können und dass er fünf, sechs Runden fahren muss, sonst müssen wir noch einen Stopp machen."

Verstappens Überreaktion

Sainz setzte den Notplan um und kam einige Runden später an die Box - zur Verwirrung seines Teamkollegen. "Max dachte, dass Carlos einen Undercut macht. Er kam also an die Box, ohne irgendjemandem etwas davon zu sagen", erzählt Tost. Das Ergebnis: Die Crew war nicht bereit, Verstappen ließ rund sieben Sekunden liegen, und auch der Zeitpunkt war nicht optimal.

"Anstatt sich auf das eigene Rennen zu konzentrieren und die bestmögliche Leistung herauszuholen, haben sie nur auf den anderen geschaut", übt Tost nachträglich Kritik. "Das ist störend, weil es nicht notwendig ist." Dass es soweit kam, ist für den Gschnitztaler keineswegs unnatürlich: "Das ist eine der normalen Entwicklungsstufen sind, die junge Fahrer bewältigen müssen. Außerdem war es der einzige Aspekt, wo es beiden an Reife gefehlt hat."

Außerdem blieben heftige Kollisionen aus. "Es hätte viel schlimmer kommen können, was ich auch erwartet hätte." Dass es im ersten gemeinsamen Jahr noch nicht zu so viel Reibung gekommen war, ist für Tost eine Frage der Logik: "In der ersten Saison konzentrieren sie sich noch darauf, alles zu lernen. Sie vergrößern ihr Wissen über die Formel 1. In der zweiten Saison fangen sie schon an, einander zu bekämpfen, die Politik geht los. In der dritten Saison wird das noch heftiger."

Tost rechnet mit Neuauflage des Duells

Heute würden beide Piloten laut Tost einen Fehler wie in Melbourne nicht mehr machen. "Sie würden logisch überlegen: Wenn der andere so früh hereinkommt, dann kann irgendwas nicht stimmen. Das darf mich nicht kümmern, und ich muss weiter pushen. Das gilt auch für den anderen. Er würde sagen: Ich muss in der Safety-Car-Phase das Auto nicht überfahren, denn es handelt sich um eine Safety-Car-Phase. Das meine ich immer, wenn ich von einem dreijährigen Lernprozess spreche."

Technikchef James Key erkennt bei Schützling Sainz bereits Fortschritte, was aber natürlich auch an den klareren Verhältnissen zwischen dem Spanier und dem degradierten Kwjat liegt. "Carlos ist jetzt weniger davon abgelenkt, seinen Teamkollegen zu schlagen, sondern will eher die anderen Piloten besiegen. Er war zuletzt sehr fokussiert, ist dieses Jahr enorm gereift und hat an Selbstvertrauen gewonnen. Er geht jetzt entspannter in die Rennwochenenden - eher wie ein alter Hase als wie ein Rookie, der sich beweisen will."

Tost rechnet aber damit, dass die beiden in Zukunft wieder aneinandergeraten werden, denn während Verstappen mit seinem Debütsieg bereits seine Klasse gezeigt hat, traut er auch Sainz Großes zu: "Hoffentlich haben wir nächstes Jahr ein wirklich konkurrenzfähiges Paket. Dann kann sich auch Carlos gut schlagen, vielleicht bald Rennen gewinnen und hoffentlich irgendwann Weltmeister werden, denn er hat in den Nachwuchsserien gezeigt, dass er das Zeug dazu hat."

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