Toto Wolff: "Sind laut Schätzungen immer noch vorn"

, 27.02.2015

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff blickt gelassen auf den Start in die Formel-1-Saison 2015: Kleine Probleme kommen von Veränderungen an Bauteilen

Am drittletzten Testtag vor dem Start in die Formel-1-Saison 2015 hat Mercedes erstmals ansatzweise die Hosen heruntergelassen. Nico Rosberg absolvierte seine schnellste Runde am Freitag in Barcelona in 1:22.792 Minuten. Der Deutsche war somit um rund sieben Zehntelsekunden schneller als Felipe Massa (Williams) am Vortag. Der Brasilianer hatte am Donnerstag die bis dorthin beste Runde dieses Winters in Barcelona gedreht.

"Ich bin vorsichtig optimistisch", sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff mit Blick auf die Ergebnisse der bisherigen Testfahrten. "Man kann 32 Jahre lang die Testergebnisse richtig einschätzen und dann ist plötzlich vielleicht mal alles anders", mahnt der Österreicher. "Ich denke, wir haben ein gutes Auto hingestellt, ein gutes Gesamtpaket. Wir haben keine überraschenden Ergebnisse gesehen und uns auf unsere Programm konzentriert."

Die bisherigen Testtage in Jerez und Barcelona habe man konzentriert und ohne Showeffekte abgespult. "Ohne frühzeitig herauszufinden, was mit dem Auto wirklich geht. So war es von Anfang an geplant", berichtet Wolff. "Andere haben es ein bisschen anders gemacht. Laut Schätzungen sollten wir nach wie vor noch vorne sein." Rosberg gelang die bisherige Testbestzeit bei sonnigen Bedingungen mit der Soft-Mischung von Pirelli. Auf der Variante Supersoft wäre womöglich noch mehr möglich gewesen.

Mercedes zeigt die wahre Performance?

"Dieses angebliche Sandbagging (Verschleierung der wahren Leistungsfähigkeit; Anm. d. Red.) existiert in der Realität gar nicht. Du musst ein Programm fahren, um Fehlerquellen zu identifizieren und Verbesserungen zu machen", will Wolff von Versteckspielen nichts wissen. "Du musst wissen, was dein Auto kann und wie es sich verhält. Wenn du dein Auto in einer Spezifikation bewegst, die ganz anders ist als im Rennbetrieb - mit zu viel oder zu wenig Benzin oder Gewicht -, dann werden die Ergebnisse verfälscht."

"Unser Programm in den ersten 60 bis 70 Prozent war vor allem auf Haltbarkeit ausgelegt, weniger als auf Performance. Der Faktor Performance kommt jetzt hinzu, um zu sehen, wo wir stehen", so der Mercedes-Rennleiter. "Dann gibt es Unterschiede zwischen jemandem, der mit zehn Kilogramm - also reinster Quali-Abstimmung - fährt, oder ob jemand mit 30 Kilogramm fährt. Oder wenn einer mit 100 Kilogramm seine Rennsimulation fährt und der andere mit 80. Das ist kein Sandbagging, sondern du musst einfach wissen, was passiert."

Die Zuverlässigkeit des neuen Mercedes W06 war oftmals gut, aber auch der Silberpfeil streikte manchmal. In Jerez gab es ein Leck im Kühlkreislauf, in Barcelona fiel der Donnerstagnachmittag wegen eines Problems an der Generatoreinheit des KERS (MGU-K) ins Wasser. "Wir fahren seit Jerez mit dem gleichen Motor, aber er ist natürlich revidiert", sagt Wolff. "Wir haben verschiedene Komponenten ausgetauscht, wo wir Defizite gesehen haben."

Defekte von veränderten Teilen ausgelöst

"Gestern hatten wir einen Schaden an der MGU-K, der zeitgleich auf dem Prüfstand passiert ist - ein kleiner Defekt an der Hülle, der uns deswegen gestoppt hat, weil es zu lange gedauert hätte, das Teil auszubauen. Auch das ist ein Lerneffekt, dass unser Packaging in diesem Bereich vielleicht nicht ganz ideal ist", so der Chef von Rosberg und Weltmeister Lewis Hamilton. "Aber es sind Defekte, die du beim Testen sehen willst, die dann hoffentlich nicht passieren, wenn wir nach Melbourne gehen."

"Die meisten dieser kritischen Komponenten sind neu gebaut und neu ins Paket eingefügt. Die Fehler, die aufgetreten sind, sind aufgetreten, weil wir die Teile verändert haben. Da brauchen wir auch wieder Erfahrungswerte", erklärt der Österreicher. "Diese holst du dir nicht auf dem Prüfstand, sondern auch auf der Strecke. Da ist das Auto besonderen Belastungen ausgesetzt: Vibrationen, Teillast-Betrieb. So etwas kannst du nur in der Realität herausfahren. Die Defekte sind im Rahmen."

Wolff sieht offenbar sein Team auch zum Start in die Formel-1-Saison 2015 im Vorteil - und zwar als Nachwirkungen aus dem Vorjahr. "Wenn du eine gute Basis hast, dann hast du es leichter, frühzeitig auf das nächstjährige Programm zu switchen. Dann kannst du solch einen Vorsprung mitnehmen", sagt er. "Da bist du natürlich im Vorteil. Solch ein Vorsprung setzt sich aus einer Vielzahl von Entscheidungen zusammen. Wenn du irgendwann falsch abbiegst, dann kann es schnell wieder weg sein. Es ist wichtig, mit der gleichen Motivation und dem gleichen Spirit weiter zu arbeiten - ohne nachlässig zu sein."

Silberpfeile stehen politisch unter Beschuss

"Ferrari hat einen richtig großen Schritt gemacht. Wenn man sich die GPS-Daten anschaut, dann fahren die auf den Geraden mittlerweile richtig schnell. Williams steht richtig gut da, die haben wir ein Low-Drag-Auto. Von Red Bull hat man noch nicht viel gesehen", fasst Wolff seine Eindrücke von der Konkurrenz zusammen. Mercedes muss sich offenbar mit den Lieblingsgegnern des Motorsportchefs auseinandersetzen - es sei denn, man ist so dominant wie 2014. "Williams ist in meinem Herzen. Es ist ein traditionsreicher Privatrennstall, der es verdient. Es macht jedem Freude, dass sie wieder vorne mitfahren. Williams ist ein Team, über das ich mich freuen kann, wenn sie vorne fahren - aber nicht vor uns."

"Ferrari ist die ikonische Marke der Formel 1. Es ist wichtig, dass Ferrari konkurrenzfähig ist. Wenn ich es mir selbst so basteln könnte, dann würde ich mit Ferrari und Williams als Gegner wünschen. Williams oder Ferrari zu schlagen, ist für uns positiv", sagt Wolff. Man müsse aber insgesamt wachsam bleiben. Die Dominanz der Silberpfeile aus dem Vorjahr habe dazu geführt, dass Mercedes politisch unter Beschuss geraten sei.

"Wir haben in den vergangenen Monaten so viele politische Kämpfe gehabt. Über Veränderungen des Motorenreglements, und zwar kurzfristig. Wir haben über Bodywork-Veränderungen 2016 gesprochen, Tokens 2015 - all das waren Dinge, die politisch motiviert waren, um ein Reglement zu verändern, um uns zu schaden", sagt er. "Abseits unseres Zieles, die Weltmeisterschaft zu gewinnen, muss es unser Anliegen sein, dass wir nicht vergessen, dass wir eine Verantwortung tragen für die Attraktivität der Formel 1. Allein im Kreis zu fahren, bringt auch nichts."

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