WM-Tabelle ohne Technikpannen: Hamilton vor Titelgewinn

, 20.11.2016

Wir haben ausgerechnet, wie es im Duell Nico Rosberg gegen Lewis Hamilton stehen würde, hätte Technik keine Rolle gespielt - Mindestens sechs Grands Prix betroffen

Hätte, wäre, wenn und aber. Es sind die Lieblingsworte der Journalisten. Teamchefs und Formel-1-Piloten jedoch hören sie gar nicht gerne. Besonders, wenn es um technische Defekte und mögliche Szenarien geht, die ohne sie Wirklichkeit geworden wären. Uns ist das herzlich egal: Da 2016 kein Weg vorbeiführt an den Zuverlässigkeitsproblemen der Mercedes-Truppe, haben wir vor dem Finale in Abu Dhabi durchgerechnet, wie es im Duell Nico Rosberg gegen Lewis Hamilton ohne Pannen stünde.

Gefühlt hätte der Brite seinen Titel bereits dreimal verteidigt, wenn ihn zu Saisonbeginn nicht eine Serie von Schäden am Antriebsstrang ereilt hätte, die nach der Sommerpause in einem Hagel von Strafversetzungen in Belgien mündete. Und dann war da noch der Motorschaden von Malaysia, der Hamilton in ein Tal der Tränen stürzte. Doch auch Rosberg saß die Defekthexe zweimal im Nacken.

Wir sind Rennen für Rennen durchgegangen und haben eine WM-Tabelle frei von Technikpannen berechnet. Um unsere Überlegungen transparent und übersichtlich zu gestalten, haben wir nur die Situation der zwei Duellanten berücksichtigt und nicht die anderer Piloten, die das Klassement auch hätten beeinflussen können. Beim Stand von 367:355 pro Rosberg ist es nicht geblieben. Mercedes hätte 2016 viel dominanter sein können, als es die Silberpfeile ohnehin waren.

Acht Grands Prix betroffen, in fünf Fällen rennentscheidend

Australien-Grand-Prix: In Melbourne patzen die Mercedes-Piloten - wie so oft in der Saison 2016 - am Start. Obwohl die Kupplung im W07 schwieriger zu bedienen ist als in anderen Autos, werten wir die Probleme beim Losfahren nicht als Technikpannen, zumal sie teilweise auch auf den Piloten zurückzuführen sind. Australien und alle weiteren Fälle dieser Art (zum Beispiel Rosberg in Deutschland und Hamilton in Italien) beziehen wir daher nicht in die Korrektur der WM-Tabelle ein.

Wir notieren: keine Änderungen.

China-Grand-Prix: Ein ERS-Problem hat zur Folge, dass Hamilton von ganz hinten starten muss, sich bei der Aufholjagd im Clinch mit Felipe Nasr den Frontflügel demoliert und nur auf dem siebten Platz ins Ziel kommt. Da Rosberg locker siegt, nehmen wir an, dass der Brite ohne die Panne im Qualifying mühelos Zweiter geworden wäre.

Wir notieren: 18 statt sechs Punkte für Hamilton.

Russland-Grand-Prix: Nach einem weiteren MGU-H-Defekt im Qualifying startet Hamilton von Rang zehn, wird aber noch Zweiter. Ob er Sieger Rosberg in einem direkten Duell geschlagen hätte, können wir nicht beurteilen - dafür ist die Vorstellung des Deutschen zu souverän und wir wissen nicht, welche Reserven er gehabt hätte.

Wir notieren: keine Änderungen.

Monaco-Grand-Prix: Rosberg hat im Regen Probleme und wird nur Siebter. Anschließend machen er und Mercedes eine "Spirale von Kleinigkeiten" verantwortlich, darunter eine zu kalte Bremse. Was davon mit einem Defekt, mit Abstimmungsproblemen oder mit dem Fahrstil zu tun hat, wird nie bekannt. Daher können wir nicht von einer Panne sprechen.

Wir notieren: keine Änderungen.

Österreich-Grand-Prix: In der letzten Runde kollidieren Hamilton und Rosberg, was dem Briten den Sieg einbringt. Sein Kontrahent schleppt sich mit demoliertem Frontflügel als Vierter ins Ziel. Dafür, mit dem Teamkollegen zusammengerauscht zu sein, macht Mercedes einen Defekt des elektronischen Bremspedals (Brake-by-Wire) verantwortlich.

Ein kniffliger Fall: Denn Rosberg meint, sich zum Zeitpunkt des Crashs an das Problem gewöhnt zu haben. Toto Wolff sieht die Sache anders: "Er hatte nicht die Performance, um die Kurve zu fahren wir vorher. Er hätte es geschafft, wenn er Brake-by-Wire gehabt hätte." Auch der Fall Hamilton ist konfus, wenn Mercedes das identische Problem erkannt haben will, er selbst es aber abstreitet. Wir glauben den Piloten und der FIA, die Rosberg (unter Zuhilfenahme der Telemetrie) sanktionierte - sagen aber auch, dass Hamilton ohne das Bremsproblem nicht mehr aufgeschlossen hätte.

Wir notieren: 25 statt zwölf Punkte für Rosberg, 18 statt 25 Punkte für Hamilton.

Großbritannien-Grand-Prix: Rosberg empfängt auf Rang zwei liegend einen Funkspruch, weil sich sein Getriebe sukzessive verabschiedet. Er solle nicht mehr in den siebten Gang schalten, heißt es. Weil die FIA die Information als (zu diesem Zeitpunkt unerlaubte) Fahranweisung wertet und einen Präzedenzfall schaffen will, rutscht Rosberg, der sich hinter Sieger Hamilton ins Ziel rettet, nach Rennende aufgrund einer Zehn-Sekunden-Strafe auf den dritten Platz zurück.

Wir notieren: 18 statt 15 Punkte für Rosberg.

Belgien-Grand-Prix: Weil ihm die Antriebskomponenten ausgehen, entscheidet sich Hamilton dafür, in Spa-Fracorchamps - wo sich gut überholen lässt - genügend neue Teile für die restliche Saison zu aktivieren und einzubauen. Dafür muss er als Letzter starten. Hamilton betreibt als Dritter des Rennes aber Schadensbegrenzung. Ob er Sieger Rosberg bezwungen hätte, können wir erneut nicht beurteilen, trauen ihm aber den zweiten Platz zu.

Wir notieren: 18 statt 15 Punkte für Hamilton.

Singapur-Grand-Prix: Hamilton erlebt ein durchwachsenes Wochenende und wird nur Dritter, während Rosberg eine Galavorstellung abliefert und gewinnt. Der Champion betont mehrmals, ein Hydraulikleck im Freien Training am Freitag (er fährt 28 Runden weniger als Rosberg) sei dafür verantwortlich gewesen, dass er die Abstimmung nicht hinbekommen hätte. Wir glauben, dass er teamintern den Kürzeren gezogen hätte und wollen nicht beurteilen, ob es auf der Problemstrecke Singapur gegen den Zweiten Daniel Ricciardo gereicht hätte - schließlich ist es ein Paradekurs für den Red Bull.

Wir notieren: keine Änderungen.

Malaysia-Grand-Prix: Hamilton scheidet souverän in Führung liegend und mit dem Sieg vor Augen mit einem kapitalen Motorschaden aus, während Rosberg wegen einer Kollision mit Sebastian Vettel hinter die Red Bull zurückfällt. Ein klarer Fall.

Wir notieren: 25 statt null Punkte für Hamilton, zwölf statt 15 Punkte für Rosberg.

Das heißt unter dem Strich: Lewis Hamilton bekommt für unsere WM-Gesamtwertung frei von Technikpannen 33 Punkte gutgeschrieben, Nico Rosberg erhält 13 Zähler Bonus. Für das bereinigte Klassement ergibt sich ein Stand von 380:388 zugunsten Hamiltons. Damit wäre er zwar vor dem Saisonfinale in Abu Dhabi nicht Weltmeister, könnte aber - ironischerweise analog zu Rosberg in der Realität - mit einem zweiten Platz den Titel einfahren, selbst wenn der Deutsche im Finale siegen würde. Es ist jedoch zu unterstreichen, dass alle Zahlenspiele hypothetisch sind und sich aus veränderten Rennverläufen wiederum Konsequenzen hätten ergeben können - etwa weitere Kollisionen oder Fahrfehler, die aus dem Druck des Gegners resultieren. Trotzdem ist es mehr als nur möglich, dass die Technik über die WM-Krone 2016 entschieden hat und genau der Fall eingetreten ist, vor dem Sportchef Wolff immer gewarnt hat.

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