Formel-E-Entwicklung: Die große Angst vor Kostenexplosion

, 27.10.2017

Mehr technische Freiheiten bringen größere Gefahren einer Kostenexplosion in der Formel E: Wohin geht die Reise in der Zukunft der Elektroserie?

Der Herstellerboom in der Formel E rückt die Elektrorennserie immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Marken wie Audi, BMW, DS (Citroen), Renault (bald Nissan), Jaguar oder Porsche nutzen die Formel E, um das Thema Elektromobilität auch im Motorsport zu besetzen - und: man möchte technische Kompetenz beweisen. Dies ist unter dem bisher strikten Regelwerk, das Entwicklungsmöglichkeiten erheblich beschränkt, kaum möglich, soll sich in Zukunft aber schrittweise ändern.

Auch wenn Audi ab der kommenden Saison 2017/18 als Werksteam an den Start geht, so kann bislang niemand behaupten, dass in der Formel E tatsächlich ein Audi gegen einen Renault fährt. Die Wahrheit ist eine andere. Die Ingolstädter fahren mit einem Spark-Einheitschassis, Einheitsbatterien und nur wenigen Eigenentwicklungen am Antrieb gegen die Konkurrenten. Technologische Kompetenz lässt sich kaum darstellen, jedenfalls noch nicht.

"Die Erweiterung der Entwicklungsfreiräume geht immer mit der Gefahr einher, dass die Kosten enorm steigen und es Dominanz eines Herstellers gibt, der am meisten Geld hinein wirft. Das glaube ich im Falle Formel E aber nicht. Ich glaube, dass die Öffnung des Reglements sehr vernünftig geschieht", meint Audi-Entwicklungsvorstand Peter Mertens im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. Der erfahrene Techniker ergänzt allerdings: "Wir müssen die Kosten im Auge behalten, bei allen Freiräumen, die gewünscht sind."

Die zarte Pflanze, die zuerst noch wachsen muss

"Das ist ein Thema, das mir Sorgen macht", gibt Peter Gutzmer, Entwicklungschef des Audi-Partners Schaeffler, offen zu. Er erklärt: "Fängt der Wettbewerb auf diesem Niveau an, dann kommen solche Themen hoch. Das ist eine Sorge, die ich bei der Formel E habe. Ich hoffe aber, dass sie noch möglichst lange Zeit unbegründet sein wird." Die Verwendung von zahlreichen Einheitsbauteilen auch in der Zukunft soll der Schlüssel für einen fairen Wettbewerb bei überschaubaren Kosten sein.

"Wir müssen dieses zarte Pflänzchen mit aller Vorsicht pflegen und hegen, damit es gesund wachsen kann. Wir dürfen nichts überstürzen, nicht zu schnell zu viel erwarten. Und bei aller Euphorie und Freude dürfen wir niemals die Kosten aus den Augen verlieren", appelliert der neue Audi-Formel-E-Teamchef Allan McNish. "Wenn man Kosten kontrollieren will, dann muss man zunächst einmal die Erwartungen im Zaum halten", meint der Schotte.

"Wenn so viele namhafte Hersteller antreten, dann erwarten natürlich viele, dass die Entwicklung sofort enorm an Tempo zulegt. Aber genau das ist es, was die Kosten explodieren lässt. Da müssen wir insgesamt behutsamer und geduldiger herangehen. Die Entwicklung mit mit Augenmaß zugelassen und dann betrieben werden", so McNish. "Eines ist aber auch klar: Wenn viele Hersteller mit dem Anspruch zu siegen da sind, dann wird es immer viele enttäuschte und frustrierte Verlierer geben. Es besteht immer die Gefahr, dass sich dann einige wieder zurückziehen. Aber das ist immer und überall so."

Wie überall: Hersteller kommen, Hersteller gehen

"Wichtig ist, dass sich die Verantwortlichen dieser Serie der Gefahr bewusst sind und auf etwaige Abschiede gefasst sind, denn dann kann man entsprechend damit umgehen ohne unterzugehen", meint McNish. "Wenn man mehr als zehn Hersteller hat, dann kann es durchaus sein, dass man zehn Jahre lang keinen Titel holt. Die Rechnung ist eigentlich ganz einfach", schmunzelt Hans-Jürgen Abt, der sein Formel-E-Startplatz an Audi verkauft hat.

"Es kann gut gehen, vielleicht aber auch nicht. Es werden auch in der Formel E Hersteller kommen und gehen - je nach Interesse. Vielleicht läuft es aber auch nicht so", sagt der Kemptener. "Man muss sich nur andere Serien anschauen. Es gab immer mal Phasen mit vielen Herstellern. Das hat dann immer einen überschaubaren Zeitraum gedauert, bis der ein oder andere die Lust verloren und aufgehört hat. Das wird in der Formel E wahrscheinlich genauso sein", zeigt sich Audi-Motorsportchef Dieter Gass realistisch.

"Wir haben die Möglichkeit, einen eigenen Motor zu machen und ein eigenes Getriebe - quasi den kompletten Hinterwagen. Das ist neben dem Bereich Software jener Spielraum, den man hat. Mehr will ich derzeit auch gar nicht haben", sagt Gass. "In dem Moment, wo ich bei der Batterieentwicklung einsteigen kann, gehen die Kosten durch die Decke. Auch bei Aerodynamik würden die Kosten in die Höhe schnellen. Das ist aber ein Bereich, bei dem die Relevanz für Straßenautos wirklich überschaubar ist."

"Bis Saison sieben ist der Weg vorgeschrieben. Man tut gut daran, die Bereiche zu kontrollieren. Alle haben die Kosten im Blick. Bevor es signifikant teurer werden darf, muss auf Marketingseite einiges passieren. Solange das nicht passiert, muss man bei den Kosten sehr aufpassen", meint der Audi-Sportchef. "Wenn ich zurückblicke, dann gab es kaum mal eine Rennserie, in der gleichzeitig so viele OEMs unterwegs waren. Für eine aufstrebende Rennserie wie die Formel E ist das wunderbar, aber ein Risiko zugleich", mahnt Schaeffler-Entwicklungschef Peter Gutzmer.

Jetzt kommentieren
Jetzt bewerten

Zum Bewerten musst Du registriert und eingeloggt sein.

Weitere Formel 2-News

Edoardo Mortara durfte in Valencia für Venturi Testfahrten bestreiten

Formel E 2017/18: Venturi verpflichtet DTM-Duo von Mercedes

Venturi wird in der Formel-E-Saison 2017/18 mit zwei Mercedes-Piloten unterwegs sein. Der Rennstall aus Monaco verpflichtet den Italiener Edoardo Mortara, der die Saison an der Seite des bisherigen …

DAMS legt den Fokus in Zukunft stärker auf das Formel-E-Projekt

Konkurrenzdruck in der Formel E: DAMS steigt aus GP3 aus

Renault e.dams ist in den Anfangsjahren der Formel E das dominierende Team gewesen. In den drei ersten Saisons konnte sich der französische Rennstall jeweils den Teamtitel sichern, dazu in Saison zwei mit …

Nelson Piquet jun. hat bei Jaguar sein Lachen wiedergefunden

Piquet flüchtet zu Jaguar: "Zu viele Zweifel" bei Ex-Team

Im ersten Jahr holte Nelson Piquet jun. mit dem damaligen China-Team noch den Titel in der Debütsaison der Formel E, doch zwei Jahre später ist die Beziehung mit dem Rennstall nun in die Brüche gegangen. …

Weiß, wie man erfolgreich ein Team leitet: Prema-Chef Rene Rosin

Prema-Boss: Formel 2 ist nicht zu teuer

Ist die Formel 2 zu teuer? Diesen Vorwurf muss sich das Unterhaus zur Formel 2 schon seit langer Zeit, als der Name noch GP2 lautete, gefallen lassen. Bei Jahresbudgets von 7,5 Millionen Euro für ein …

Joel Eriksson geht am Sonntag zweimal von der Pole-Position aus ins Rennen

Formel-3-EM: Joel Eriksson meldet sich mit zwei Poles zurück

Lange musste der Schwede Joel Eriksson (Motopark) auf seine vierte Qualifying-Bestzeit in diesem Jahr warten, in der österreichischen Steiermark war es nun endlich so weit: Auf dem 4,318 Kilometer langen Red …

AUCH INTERESSANT
20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord

AUTO-SPECIAL

20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord

Härter, schneller und noch krasser: „Pikes Peak“ ist der „Heilige Gral“ unter den Bergrennen und geht in die Extreme. Volkswagen war dort so schnell wie niemand zuvor und schaffte es, einen …


Motorsport-Total.com

TOP ARTIKEL
Ford Mustang Bullitt 2018: Der erste Check und der Preis
Ford Mustang Bullitt 2018: Der erste Check und …
Seat Ibiza FR 2018: Was reißen drei Zylinder im Sport-Test?
Seat Ibiza FR 2018: Was reißen drei Zylinder im …
Louis Vuitton Ferrari gehört 15-jährigem
Louis Vuitton Ferrari gehört 15-jährigem
News-Abo
Jeden Morgen kostenlos per E-Mail:
Aktuelle Artikel
20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord
20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der …
Lamborghini Aventador SVJ: Monster holt Nordschleifen-Rekord
Lamborghini Aventador SVJ: Monster holt …
Porsche 718 Cayman GTS Test: Lohnen sich die 11.000 Euro?
Porsche 718 Cayman GTS Test: Lohnen sich die …
Porsche Cayenne E-Hybrid Test: Was er wirklich verbraucht
Porsche Cayenne E-Hybrid Test: Was er wirklich …
Porsche 919 Hybrid Evo: Neuer Rekord auf der Nordschleife?
Porsche 919 Hybrid Evo: Neuer Rekord auf der …


Speed Heads - Sportwagen- und Auto-Magazin

Das Auto und Sportwagen Magazin mit täglich aktualisierten Auto News, Motorsport News, Auto Tests, Sportwagen Berichten und der streng geheimen Auto Zukunft. Speed Heads ist die Community für echte Auto-Fans und informiert im Sportwagen Magazin über Neuigkeiten aus der Welt der schnellen Autos.

  • emotiondrive Logo
  • Torpedo Run Logo
  • Motorsport Total Logo
  • autoaid Logo