Jaguar XF 4,2 V8 Test - Kratzbürstiger Karrieretyp

, 13.01.2010


Der Jaguar-Fahrer: Selbstbewusst, Gentleman, Karrieremensch und gutverdienend – so stellen sich ihn die meisten wohl vor. Dieser Kunde bekommt nun eine neue Generation Jaguar vorgesetzt, den XF. Vom Nachfolger des sympathischen S-Type wird viel verlangt.

Mit neuem Design und dem indischen Konzern Tata als neuen Arbeitgeber im Rücken soll die britische Traditionsmarke einen Aufschwung erleben. Doch schafft die Mieze es, den Fahrer mit neuem Gewand in seinen Bann zu ziehen?? Well, let’s see.

Der Innenraum: Edel und hochwertig

Fangen wir doch gleich mal mit dem Sahnestück an, dem Innenraum. So muss ein stilvoller Innenraum ausschauen. Hier stimmt einfach alles, die glatten Holz- und Aluminiumflächen geben den kühlen Formen die nötige Wärme, um sich direkt nach dem Einstieg heimisch zu fühlen. Wer zum ersten Mal einsteigt runzelt verwundert die Stirn und sucht nach Luftdüsen und Automatikhebel.

Doch wer den Start-Stop-Knopf betätigt und die Lebensgeister des Jaguar XF erwachen lässt, wird unterhaltsam aufgeklärt. Aus der Mittelkonsole steigt ein glänzender Controller in Form eines Drehschalters empor. Die Armatur gibt ähnlich wie beim VW Phaeton wie von Geisterhand die Luftdüsen frei. Das wirkt so elegant, dass man immer wieder fasziniert das Schauspiel beobachtet. Handschuhfach und Leselicht lassen sich bequem per Fingertipp betätigen. Wer hier nicht gleich zu schnurren anfängt muss schon sehr abgebrüht sein.

Die Ledersitze fühlen sich sehr gut an, bieten allerdings bei schnellen Kurvenfahrten nicht ausreichend Seitenhalt. Durch den 2,91 Meter langen Radstand lässt es sich auch auf den hinteren Plätzen bequem reisen. Insgesamt stimmt die Haptik. Der Kritik vieler Jaguar-Fans, zu sehr ins Ford-Regal zu greifen sind die Designer nachgekommen.

Was der XK im Innenraum noch vor sich hat, das ist im XF gelungen. Er wirkt eigenständig und stimmig für die Betrachter. Nachts schimmert der Innenraum in einem stimmungsvollen Blauton. Der Kofferraum bietet 540 Liter Gepäckraumvolumen und lässt sich bei umgeklappter Rückbank um 420 Liter erweitern. Insgesamt streckt sich die Raubkatze auf 4,96 Meter.

Der Motor: Unverschämt biestig

Werden die 4,2 Liter Hubraum im V8 aufgerüttelt, stehen 298 kratzbürstige Miezen bereit. Das sechsstufige Automatikgetriebe leitet die Power auf die Hinterachse. Der Fahrer hat die Wahl wie er sie bezwingen möchte. Ob nun komfortabel im D-Modus oder sportlich im S-Modus. Alternativ darf der Fahrer auch manuell per Schaltwippen die Gänge wechseln. Die wiederum sind unauffällig und verstecken sich verschämt in schwarzer Plastik-Optik hinter dem Lenkrad. Warum Jaguar den Schaltwippen anstatt der schnöden Plastiktracht nicht auch ein wenig Alu-Glanz geben konnte will nicht so ganz einleuchten. Dennoch: Wer sie nutzt, hat unglaublich viel Spaß.

Mit einem leichten Fauchen setzt sich der Jaguar in Bewegung. Bei Vollgas vergehen gerade mal 6,6 Sekunden bevor die Tempo 100 Marke erreicht wird. Wie es bei Limousinen schon Tradition hat wird bei Tempo 250 abgeriegelt. Dabei sollen im Durchschnitt nur 11,1 Liter durch den Tank gehen. In der Realität ging es mit 14-15 l/100 km ein wenig durstiger zur Sache.

Die 4,2 Liter Hubraum setzen 411 Nm Drehmoment frei, ausreichend für ein angenehmes Druckgefühl im Rücken. Dabei lässt sich der auf Bass gestimmte Achtzylinder nie aus der Ruhe bringen und glänzt mit einer exzellenten Laufruhe. Das Fahrwerk arbeitet hervorragend und der Jaguar folgt agil jeder Lenkbewegung als wäre er hinter einem Wollknäul her. Der Hecktriebler lässt sich auch auf feuchtem Untergrund nicht aus der Ruhe bringen, Traktion ist immer vorhanden. Dabei gibt das schicke Lederlenkrad jederzeit eine gute Rückmeldung von der Straße zum Fahrer.

Das Fahren: Wohlfühlfaktor auf knurrenden Pfoten

Auch beim Schalten denkt die Automatik mit. Ist der Fahrer dynamischer in einer Kurve unterwegs, hält der Jaguar den Gang bis der Wagen wieder in die Gerade kommt. So sind keine bösen Überraschungen zu befürchten. Auch im normalen Alltagsverkehr leistet sich die Automatik äußerst selten einen Verschalter. Sowohl die Aluminiumaufhängung als auch die Bremsanlage wurden vom erfolgreichen XK für den XF adaptiert.

Im Innenraum geht es akustisch dezent zu. Der Achtzylinder lässt bei forscher Anfahrt durchaus anklingen, dass er auch gerne faucht, ansonsten arbeitet er auf einem angenehmen Reisekomfortlevel. Außer dem Motor lassen sich auch bei hohen Geschwindigkeiten keinerlei störende Nebengeräusche ausmachen.

Stattdessen darf sich der Fahrer auf die prachtvollen Klänge freuen, die der Bowers & Wilkins Soundanlage (1.530,- Euro) entlockt werden. Dank der optional in der Mittelkonsole installierten portablen Schnittstelle für Audio-Geräte (für schlappe 810 €) lässt sich auch das I-Phone problemlos bedienen. Bluetooth, Navigation, Soundeinstellungen und weiteres sind bequem und sehr übersichtlich am Touch-Screen zu bedienen.

Die Außenhülle: mal was anderes...

Kommen wir nun zu einem besonderen Part, dem Außendesign. Ein Jaguar muss Wiedererkennungswert haben und die Eleganz des Titel gebenden Raubtiers ausstrahlen. Charakter eben. Die Studie XF-C ließ auf eine Schönheit auf dem Level eines Quattroporte hoffen. Es wurde aber stattdessen ein Design-Puzzle aus Lexus, Aston Martin, Ford und Mazda. Emotionen kommen bei der Front kaum rüber. Die Verabschiedung vom barocken Engländer zu einem unauffälligen Mittelklasse Automobil. War das wirklich so beabsichtigt?

Der prachtvolle V8 schnaubt bei diesen niedlichen Frontlichtern grantig auf. Schließlich macht für diese verharmloste Front insbesondere mit den Glubsch-Mini-Lichtern im Asiaten-Style kaum jemand die linke Spur frei. Die coupé-hafte Seitenline und das Heck im Stil von Aston Martin versuchen noch zu retten was zu retten ist. Doch auch hier lässt sich keine eigenständige Linie erkennen. Natürlich will auch Jaguar sich mal wieder strecken und sein biederes Image beiseite legen, aber so? Selbstverständlich sind Designüberschneidungen zu der Konkurrenz mittlerweile kaum zu vermeiden, aber so? Mister Ian Callum. So bitte nicht.

 

Man wird das Gefühl nicht los, dass hier zu viele Köche am Werk waren. Als wurde aus der Chefetage diktiert: Kommt schon! Hier ein wenig Stil und hier ein wenig mehr aggressiv aber doch ein wenig freundlicher. Ganz schummrig wird einem aber erst, wenn man offen und ehrlich gefragt wird, ob das der neue Mazda 6 sei. Wer will da noch antworten, dass dies ein britisches Kätzchen sei?

Fazit: Ein würdiger Konkurrent für Audi, BMW und Mercedes

Einen so schönen Innenraum in der oberen Mittelklasse bekam man selten zu sehen. Der laufruhige V8 prescht ohne Gnade voran. Dazu glänzt das sportliche Fahrwerk, das auf BMW-Niveau liegt. Die knapp 300 PS fühlen sich sogar ein wenig kräftiger an als auf dem geduldigen Papier.

Ohne Zweifel hat Jaguar hier einen würdigen Konkurrenten für den Audi A6, BMW 5er und die Mercedes E-Klasse hingestellt. Dennoch darf man Jaguar gratulieren. Der Schritt zu einem neuen frischen Gesicht (Concept-XF) war der richtige, nur leider verließ die Jungs am Ende der Mut dies auch am Außendesign konsequent durchzusetzen. Irgendwie schade.

Pro:

+ delikater Innenraum
+ straffes aber dennoch komfortables Fahrwerk
+ kräftiger laufruhiger Motor
+ I-Pod-Integrierung

Contra:

- lasches und polarisierendes Außendesign
- Schaltwippen aus Plastik
- relativ durstig

Datenblatt Jaguar XF V8:

Antriebsart: Heckantrieb | Hubraum: 4.196 cm³ | Leistung: 219 kW (298 PS) bei 6.000 U/min | Drehmoment: 411 Nm bei 4.100 U/min | Vmax: 250 km/h | Co2 Emission g/km: 264 | Beschleunigung 0-100 km/H: 6,6 s | Durchschnittsverbrauch: 11,1 l/100 km | Gewicht: 1.749 kg | Preis: ab 62.180,00 EUR inkl. MwSt.

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