Porsche 911 Carrera 4S Cabrio Test: Die Fahrphysik lässt grüßen

, 15.11.2012


Allradkompetenz: Wer bei diesem Stichwort nur an „Quattro“ und Audi denkt, sieht ebenso wenig das große Ganze wie glühende Verehrer des weltweiten Allrad-Marktführers Subaru. Denn: Porsche darf in einer Aufzählung von Pionieren und Spezialisten der 4x4-Bewegung keinesfalls fehlen. Jüngstes Highlight einer langwährenden Allrad-Tradition im Hause Porsche stellt der neue 911 Carrera 4 dar, der von uns als 400 PS starkes 4S Cabriolet getestet wurde. Schwierige Traktionsverhältnisse waren dabei garantiert - auf nassen, laubbedeckten Straßen im südöstlichen Österreich. Maximal übertragbare Antriebskräfte und ihre Bedeutung für den Bodenkontakt lassen ständig grüßen und bieten praktische Lektionen in der Fahrphysik.

Spaß kann einen Sinn haben. So auch der Fahrspaß mit einem Porsche 911 Carrera 4S Cabriolet, der den Piloten dank immenser Traktion mit allerhand Sicherheitsreserven verwöhnt und behütet. Die Frage, ob ein wahrer Porsche Allradantrieb haben dürfe, ist ungefähr so sinnvoll, wie das Rätseln um die Konfession des Papstes. Spätestens nach einer Probefahrt wird gerade jedem sportlichen Fahrer klar: Ein Porsche darf die „4“ im Modellnamen tragen. Ja, er sollte sogar.

Falls 4x4-Skeptiker die Markentradition des driftenden Hecktrieblers 911 strapazieren sollten: Vorsicht! Der Blick zurück ist aus Zuffenhausener Sicht gespickt mit Allrad-Highlights. Das ging los vor 112 Jahren, als das erste allradbetriebene Automobil überhaupt über die Straßen rollte. Der berühmte Lohner-Porsche-Rennwagen, konstruiert von Ferdinand Porsche, besaß vier Radnabenmotoren und fuhr rein elektrisch. 47 Jahre später hob sich der ebenfalls von Porsche entwickelte Grand Prix-Rennwagen Cisitalia von der Konkurrenz ab: Ein Zwölfzylinder-Kompressormotor, konsequenter Leichtbau und eben Allradantrieb.

Kurz nach dem 2. Weltkrieg erschien die Idee besonders reizvoll, selbst auf Fahrbahnen mit niedrigen Reibwerten oder verschmutzten Pisten die Antriebskraft möglichst effizient zu übertragen. In den 1980er-Jahren folgten Porsche-Siege bei der Rallye Paris-Dakar (1984 mit dem allradgetriebenen Typ 953, zwei Jahre danach sogar mit einem Doppelsieg des Supersportwagens Porsche 959).

Allrad-Tradition: Vom Lohner-Porsche von 1900 über Dakar-Siege in den 1980ern

Der 4x4-Technologie im legendären Porsche 959 (1986 bis 1988 gebaut) brachte damals das Grundkonzept auf den Weg, das bis heute im PTM (Porsche Traction Management) aktuell ist: Automatisch schaltet sich per Lamellenkupplung der Vorderradantrieb hinzu, wenn an der Hinterachse nicht genug Traktion herrscht und die Räder durchzudrehen drohen.

Auch im brandneuen Porsche 911 Carrera 4S verteilt PTM die Antriebsmomente aktiv und blitzschnell zwischen Hinter- und Vorderachse. Sensoren überwachen ständig die Drehzahlen aller vier Räder, die Längs- und Querbeschleunigung sowie den Lenkwinkel. Ergebnis: Hohe Fahrdynamik, extrem gutes Handling, jede Menge Traktion, hohe Sicherheit und sportlicher Fahrspaß. Der Allrad-Carrera spurtet dem Hecktriebler vor allem aus Kurven heraus und noch mehr auf nasser Fahrbahn spürbar davon. Dabei ist es hilfreich, wenn sich der Elfer-Besitzer das geniale Doppelkupplungs-Getriebe PDK für 3.510 Euro leisten konnte. Das gilt zunächst gleichfalls für Carrera und Carrera 4.

Im Gegensatz zum allrad-exklusiv mit PDK kann der Porsche 911 Carrera 4S etwas, das man sonst eher von Hybridautos her kennt: segeln. Wenn die Sensoren absolute Entspannung an der Beschleunigungsfront registrieren und das Auto im Cruising-Modus dahinrollt, entkoppelt sich die Vorderachse. Dadurch senkt sich das vom Allradantrieb erzeugte Bremsmoment und somit auch der Verbrauch. Mehr Leistung, weniger Verbrauch heißt deshalb auch beim neuen 911 Carrera 4S die inzwischen bei Porsche allseits bekannte Devise.

Start-Stopp-Funktion, Minimierung von Reibungswerten und weitere Maßnahmen führten dazu, dass der Verbrauch der Allrad-Modelle im Vergleich zur Vorgänger-Generation um bis zu 16 Prozent gesunken ist - trotz der Leistungssteigerung auf jetzt 400 PS (294 kW) im 4S bzw. 350 PS (257 kW) im Carrera 4. Allein der Segel-Modus spart bis zu einen Liter Kraftstoff pro 100 Kilometer.

Verteilung des Antriebsmomentes für den Fahrer sichtbar gemacht

Der Allradantrieb ist erstmals in einem 911er für den Fahrer sogar sichtbar. Serienmäßig visualisiert eine Anzeige rechts vom Drehzahlmesser die Verteilung der Antriebskraft zwischen vorne und hinten. Die orange Balkenanzeige besitzt 10 Segmente pro Achse und informiert ständig und anschaulich über die Kraftverteilung. Eine Spielerei? Auf Dauer vielleicht. Zumindest bei einer ersten Fahrt ist es jedoch sehr interessant zu beobachten, wie sich der Allradantrieb aktiviert, wenn nötig. Dabei offenbart sich ebenfalls, was man von Porsche erwartet: Zwar ist der Antrieb über alle vier Räder möglich, die Grundauslegung ist jedoch spürbar sportlich und deshalb hecklastig.

Die optionale Sportabgasanlage röhrt den typischen Sechszylinder-Boxer-Sound nicht nur nach hinten hinaus, sondern macht sich auch im Innenraum angenehm bemerkbar. Gerade beim Beschleunigen kombiniert sich das reizvolle Gefühl, in den Sitz hineingedrückt zu werden mit der beeindruckenden Klangkulisse zu einem Erlebnis mit Suchtgefahr. Mehr noch als durchdrehende Heckräder auf der qualmenden Suche nach Traktion vermitteln die beiden Allrad-Antriebsachsen die möglichen hohen G-Kräfte.

Von der reinen Fahrphysik her ist es ganz einfach: Ein Reifen kann nur eine bestimmte Summe von Kräften übertragen - unter anderem je nach Gummimischung, Temperatur und etwa Fahrbahnbelag. In schnellen Kurven überträgt der Reifen von dieser höchstmöglichen Summe bereits erhebliche Seitenkräfte. Da bleibt umso weniger für die Längsbeschleunigung übrig. Wenn sich aber die gewünschte Beschleunigungskraft nicht nur auf zwei, sondern auf vier Reifen verteilt, bleibt bei allen vier Pneus umso mehr übertragbare Seitenkraft. Mit anderen Worten: Der Allradler kann durch die selbe Kurve schneller hindurchfahren und herausbeschleunigen als ein Hecktriebler.

Fazit: Allrad? Ja danke, wenn's geht

Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass selbst bei einem klassischen Sportwagen wie dem Porsche 911 ein Allradantrieb nicht nur mehr Sicherheit bringt, sondern auch zusätzlichen Fahrspaß. Wer es nur auf den kontrollierten Verlust von Traktion und ein daraus folgendes provoziertes Übersteuern abgesehen hat (auch Drift genannt), mag mit dem reinen Hecktriebler glücklicher sein.

Wer aber eine sportliche Fahrweise genießt und gleichzeitig Sicherheitsreserven zu schätzen weiß und dafür beim ohnehin stattlichen 911er-Preis weitere rund 7.000 Euro drauflegen kann, der bezahlt gerne für das Carrera 4S Cabriolet 125.046 Euro. Die Marktanteile sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache: Seit Beginn der Allrad-Ära in Zuffenhausen Ende der 1980er-Jahre liegt der Anteil der Allrad-Modelle von Porsche bei 41 Prozent. Immerhin jeder dritte Porsche 911 der 997-Baureihe war zuletzt ein Allrad-Elfer.


Technische Daten Porsche 911 Carrera 4S Cabrio (Klammerwerte mit PDK):

Antriebsart: aktiver Allradantrieb mit elektronisch geregelter Lamellenkupplung (PTM) | Hubraum: 3.800 cm³ | Leistung: 294 kW/400 PS bei 7.400 U/min | Drehmoment: 440 Nm bei 5.600 U/min | Vmax: 296 (294) km/h | Beschleunigung 0-100 km/h: 4,7 (4,5) Sekunden | Durchschnittsverbrauch: 10,0 (9,2) l/100 km | CO2-Emission: 236 (217) g/km | Preis: ab 125.046 EUR

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