Gachot packt aus: Wie er Michael Schumachers Debüt auslöste

, 10.09.2016

Tränengas-Attacke gegen Taxifahrer? Zwei Monate Knast? Bertrand Gachot erzählt in allen Details, wie er Michael Schumacher 1991 in Spa zum Formel-1-Debüt verhalf

Für den einen war es der Beginn der erfolgreichsten Formel-1-Karriere aller Zeiten, für den anderen war es ein fürchterlicher Albtraum mit grotesken Slapstick-Elementen. Bertrand Gachot musste vor 25 Jahren ausgerechnet vor seinem Heimrennen in Spa-Francorchamps das Jordan-Cockpit räumen, weil er in London hinter Gittern saß. Und Teamchef Eddie Jordan gab einem gewissen Michael Schumacher (siehe auch die große Story zu Schumachers erstem Rücktritt, der sich heute zum zehnten Mal jährt) die Chance zum Formel-1-Debüt.

Der damals 22-Jährige schreckte die Platzhirsche mit Statzplatz sieben auf, überholte auf den ersten 500 Metern zwei weitere Rivalen und rollte dann mit Kupplungsdefekt aus. Der Rest ist Geschichte. Doch wie erlebte Gachot die Formel-1-Sternstunde im Gefängnis?

"Das war einer der härtesten Tage meines Lebens", erzählt der belgisch-französische Doppelstaatsbürger, der sich immer als Europäer bezeichnete und sogar die EU-Flagge auf dem Helm trug, im 'Motorsport-Total.com'-Gespräch. "Beim Rennen davor in Ungarn habe ich noch gewettet, dass wir in Spa die Pole-Position holen, weil ich die schnellste Rennrunde gedreht hatte." Den Beweis konnte er nie antreten.

Auslöser: Jordan wollte Gachot als Lockvogel für Sponsor nutzen

Stattdessen saß er in Brixton in einem der strengsten Gefängnisse Londons in seiner spartanisch eingerichteten 10-Quaratmeter-Zelle, in der es weder Tisch, Toilette noch TV-Gerät gab. Selbst das Licht konnte er in der Nacht nicht abschalten, und Besuch war nur alle zwei Wochen für eine halbe Stunde erlaubt. Ursache für seine damalige Haftstrafe war der vielzitierte Tränengas-Zwischenfall. Doch bis heute ist unklar, was damals wirklich passiert ist. Wir haben den inzwischen 53-Jährigen gebeten, die wahren Hintergründe zu offenbaren.

"Eigentlich war es eine lustige Geschichte", beginnt Gachot seine Ausführungen. Das Szenario trug sich am 10. Dezember 1990 im dichten Londoner Straßenverkehr nahe des Hyde-Parks zu. "Ich und Eddie Jordan waren auf dem Weg zu einem Meeting mit Vorstandsmitgliedern des Pepsi-Cola-Konzerns, und er fuhr ein paar Autos hinter mir."

Der Teamchef des Rennstalls, das seinen Formel-1-Einstieg vorbereitete, wollte den Pepsi-Cola-Konzern von einem Sponsordeal überzeugen - und hatte einen genialen Plan: Gachot, der bereits einen Vertrag für 1991 in der Tasche hatte, sollte als smarter Sohn eines EU-Diplomaten, der zahlreiche Fremdsprachen spricht, den Getränkeriesen überzeugen, den Deal zu unterschreiben.

Londoner Stadtverkehr: Taxifahrer und Gachot verlieren die Nerven

Doch zunächst stand die Herausforderung bevor, sich durch die Autokolonnen zu kämpfen. Rennfahrer gelten diesbezüglich nicht als besonders geduldig. Ein Klischee, dem Gachot alle Ehre machte. "Ein Taxifahrer wollte sich vor mir in die Schlange drängen, aber ich bin immer sofort nachgerückt, habe ihn nicht reingelassen", erinnert sich der damals 27-Jährige, der im Auto mit Jordan telefonierte. "Der Taxifahrer hat sich dann trotzdem hineingepresst."

Doch damit war die Angelegenheit noch nicht erledigt, denn mit seinem Unwillen hatte Gachot den Taxifahrer Eric Court provoziert. "Der Kerl bremste dann mehrmals absichtlich, damit ich in die Eisen steigen muss", sagt Gachot, der seine Nerven auch nicht mehr im Zaum halten konnte.

"Ich bin ihm absichtlich hinten reingefahren, habe seine Stoßstange berührt", schildert er seinen Racheakt. Und zeigt heute Reue: "Okay - das war ein Fehler. Und es war dumm. Aber manchmal macht man eben Dummheiten." Taxifahrer Court platzte daraufhin der Kragen: Er stürmte auf Gachots Auto zu, öffnete die Tür und drohte, ihn umbringen zu wollen. Gachot nahm die Ansage nicht ernst, "aber dann hat er meine Krawatte gepackt".

Wieso Gachot zum Tränengas griff

Der Rennfahrer hatte plötzlich einen folgenschweren Geistesblitz: Für Notfälle hatte seine Freundin, in deren Auto er saß, stets eine Dose Tränengas in der Türablage. Gachot griff danach und drückte den Auslöser. "Uns beiden schossen die Tränen aus den Augen, weil sich die eine Hälfte des Tränengases auf mir, die andere auf ihm verteilte", sagt er. "Ich hatte ja nicht genug Zeit, um zu zielen." Nach dem Weinkrampf beruhigten sich die Gemüter: "Es gab keinen Kampf, niemand hat dem anderen weh getan. Ich dachte also, dass alles gut ausgegangen ist."

Eine Fehleinschätzung: Die anderen Taxifahrer ergriffen laut Gachot Partei für den Kollegen und schlugen ihn in die Flucht. "Sie wollten mich kriegen, also rannte ich in eine Polizeistation. Dort habe ich meinen Namen angegeben und erzählt, was passiert ist." Neun Monate später - also unmittelbar nach dem Grand Prix von Ungarn und zehn Tage vor dem Heimrennen - wurde Gachot vor Gericht zu zwei Jahren Haft (18 Monate für seinen Übergriff, 6 Monate für den Besitz von Tränengas) verurteilt, nachdem er selbst auf "nicht schuldig" plädiert hatte. "Das war surreal, denn ich hatte eigentlich mit einer Geldstrafe gerechnet."

Das Problem: Tränengas war in Grobritannien illegal. Und der Richter befand, dass Gachots Reaktion nicht im Verhältnis zum Verhalten des Taxilenkers stand. Da Taxifahrer außerdem eine Sonderstellung genießen, wollte der Richter mit dem Urteil ein Exempel statuieren. "Das beweist, dass es selbst in der westlichen Gesellschaft gefährlich ist, wenn eine Institution zu viel Macht hat", kann Gachot die Entscheidung bis heute nicht nachvollziehen. "Ich war wegen dieser Ungerechtigkeit wirklich wütend."

Formel-1-Pilot im Knast: Häftlinge helfen beim Öffnen der Fanpost

In diesen bitteren Stunden erhielt der Pechvogel aber auch viel Zuspruch: Vor allem beim Heimrennen in Spa trugen zahlreiche Fans T-Shirts und Fahnen mit dem Aufdruck "Free Gachot!" Die Kampagne wurde von Rennfahrerkollege und Landsmann Pascal Witmeur organisiert, und auch nahmhafte Formel-1-Piloten wie Alain Prost, Andrea de Cessaris oder Ivan Capelli bekannten sich zur Aktion. In Brüssel kam es sogar zu einer Demonstration vor der britischen Botschaft.

Gachot bekam davon erst mit Verzögerung mit: "Ich war ja komplett abgeschnitten, aber als ich davon gehört habe, hat es mir eine immense Kraft gegeben." Zuspruch erhielt er auch auf andere Weise: " Ich hatte im Gefängnis mehr Post, als das ganze Gefängnis zusammen. Alle anderen Häftlinge haben mir dann dabei geholfen, die Briefe zu öffnen. Das war sehr berührend und bewegend." Die Briefe kamen hauptsächlich aus Belgien, Frankreich und Großbritannien, aber auch aus fernen Ländern wie Japan, Australien oder den USA.

Heute ist er dankbar für seinen Einblick in die ihm bis dahin unbekannte Welt. "Da waren Leute im Gefängnis, die dort nie hätten sein sollen", erzählt er. "Und sie leiden jeden Tag. Ich kann garantieren, dass das heute immer noch so ist. Ich habe diese Seite gesehen, und mir ist seitdem bewusst, dass es nicht normal ist, gesund und frei zu sein." Sein Blick auf das Leben hat sich dadurch verändert: "Damals habe ich mir geschworen, dass ich ab sofort jeden Tag in Freiheit glücklich sein werden - ganz egal wie viel Geld ich habe. Und daran habe ich mich gehalten."

Von der Gefängniszelle direkt ins Formel-1-Fahrerlager

Gachot hatte Glück im Unglück: Anstatt zwei Jahre lang hinter Gittern zu sitzen, wurde er schon nach zwei Monaten - oder vier Grands Prix - vorzeitig entlassen. In der Berufungsverhandlung, die am Dienstag vor dem Japan-Grand-Prix 1991 stattfand und die ihn viel Geld kostete, wurde das Urteil im Nachhinein als viel zu hart eingestuft und gemildert.

Nach seiner Entlassung reiste er ohne Zwischenstopp in seiner Wohnung nach Japan. "Wir trankennoch einen Cocktail in der französischen Botschaft, um den Erfolg zu feiern, und dann reiste ich zum Flughafen, um nach Japan zu fliegen." Ein Kraftakt ohne Happy End, denn Jordan hatte als Ersatz für ihn Alex Zanardi engagiert und dachte gar nicht daran, Gachot wieder ins Cockpit zu setzen.

Wie Schumacher den gebrochenen Gachot wieder aufrichtete

Schumacher war inzwischen einer der Topstars der Formel 1 und saß im Benetton. Dennoch kam der Kerpener im Fahrerlager von Suzuka auf Gachot zu. "Er wollte mich sehen und sagte, dass es ihm Leid tut, weil es nicht richtig war, was passiert ist. Und er bot mir seine Hilfe an, sollte er etwas für mich tun können. Das hat mir gut getan, denn in dem Moment war ich wirklich am Boden. Ich habe seine Geste wirklich geschätzt."

Das Schicksal hatte Schumacher, der ein Jahr nach dem Sensationsdebüt in Spa seinen ersten Formel-1-Sieg einfuhr, und Gachot, der danach von 1992 bis 1995 noch 32 Rennen bestritt, aber nur mehr einen Punkt holen sollte, miteinander verbunden. Eine Verbindung, die auch nach dem Karriereende bestehen blieb: "Ich war manchmal als Gast bei Rennen, und da haben wir stundenlang miteinander gesprochen. Und jetzt fährt mein Sohn für das Team seines Bruders."

Louis Gachot ist 17 Jahre alt und britischer Staatsbürger. Er fährt nicht nur für Ralf Schumachers Formel-4-Rennstall, sondern tritt damit auch gegen Michaels Schumachers Sohn an. "Mein Sohn und Mick sind Freunde", erzählt Gachot.

Wieso Gachot Gefängniserfahrung nicht missen will

Der Respekt vor Michael Schumacher ist groß: "Er war der Beste aller Zeiten, und es ist toll, was er erreicht hat." Neid habe er nie verspürt. Ob er im Nachhinein stolz ist, Schumacher zum Einstieg in die Formel 1 und somit zu einer Weltkarriere verholfen zu haben? "Nein, bin ich nicht", antwortet Gachot. "Mein Problem hat ihm den Einstieg erleichtert, aber er hat mich nicht gebraucht. Er hatte Mercedes und gute Leute hinter sich, außerdem wussten alle, dass er talentiert ist."

Stolz sei er hingegen darauf, es wieder in die Formel 1 geschafft zu haben. "Und darauf, dass es mir gelungen ist, mein Leben wieder auf die Reihe zu bringen", sagt Gachot. Die Worte des französischen Botschafters, der ihm dabei half, das Gerichtsurteil anzufechten, sind ihm noch heute in Erinnerung. "Er sagte: 'Deine Rache wird sein, ein gutes und erfolgreiches Leben zu führen.' Das ist mir gelungen: Ich habe eine tolle Familie, mit dem Energy-Drink Hype ein großartiges Business und eine Motorsport-Website."

Und auch mit dem Schicksal, durch eine Verkettung unglücklicher Ereignisse um eine möglicherweise erfolgreiche Formel-1-Karriere gebracht worden zu sein, hat er inzwischen seinen Frieden gefunden: "Rückblickend ist mir klar: An jenem Tag, als ich mit diesem tollen Jordan an meinem Heimrennen teilnehmen hätte können, habe ich viel verloren. Dafür hat mir diese Zeit sehr viel Kraft für mein Leben gegeben: Ich war danach ein anderer Mensch, bin seitdem weiser und stärker."

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