Hat Jules Bianchis Tod die Fahrer näher zusammengebracht?

, 28.07.2015

Trauer, Respekt und Gespräche unter Kollegen: Die Formel-1-Piloten beurteilen vor dem Hintergrund des Todes von Jules Bianchi das kollegiale Verhältnis

Durch den Tod von Jules Bianchi wurden die Formel-1-Piloten nach langer Zeit wieder daran erinnert, dass der Grand-Prix-Sport trotz der im Laufe der Jahre implementierten Sicherheitsvorkehrungen nach wie vor eine Gefahr für Leib und Leben darstellt.

Zwar wurde auch der Tod von Maria de Villota im Oktober 2013 auf den Unfall zurückgeführt, den sie 15 Monate zuvor bei Testfahrten für Marussia in Großbritannien hatte. Der Effekt im Fahrerlager war aber nicht der gleiche wie bei Bianchi, was vor allem daran lag, dass bei den privaten Geradeaustests von Marussia in Duxford kein anderes Team vor Ort war. Bianchis Unfall in der Schlussphase des Grand Prix von Japan 2014 und die anschließende beklemmende Stimmung erlebten die meisten der aktuellen Stammfahrer hautnah mit.

Vor zehn Tagen mussten Philippe, Christine, Tom und Melanie Bianchi nach mehr als neun Monaten des Hoffens und Bangens den Tod ihres 25-jährigen Sohnes beziehungsweise Bruders bekanntgeben. Hat das Schicksal des Ferrari-Nachwuchspiloten, der für Marussia 34 Grands Prix bestritt, die Formel-1-Piloten näher zusammengebracht?

Vettel bedauert fehlende Zeit für die Kollegen

"Vor 30, 40 Jahren gab es jede Menge Zwischenfälle, die die Gruppe zusammenschweißten", spricht Ferrari-Pilot Sebastian Vettel auf die 1970er- und 1980er-Jahre an, als tödliche Unfälle bei Formel-1-Rennen deutlich häufiger vorkamen als in der heutigen Zeit.

"Heute lebt jeder sein eigenes Leben. Es scheint, als würde jeder seine eigenen Interessen über alles andere stellen", bemerkt Vettel und führt an, dass dies nicht immer so gewollt ist: "Wenn man sich die persönlichen Verpflichtungen der Fahrer ansieht, bleibt kaum noch Zeit, um andere Fahrer zu treffen. Das finde ich schon schade, denn unterm Strich verbindet uns die gleiche Leidenschaft."

Jenson Button stimmt zu: "Für die Fahrer ist es heutzutage ganz anders als in den Siebzigern, Achtzigern und sogar in den Neunzigern. Damals verbrachte man viel mehr Zeit miteinander. Ich weiß nicht, ob das damit zusammenhängt, dass es damals gefährlicher war. Man wusste, dass man einen Freund verlieren kann. Heutzutage sieht es von außen so aus, als würden wir Fahrer untereinander nicht so viele Emotionen zeigen."

Bianchi-Trauerfreier ein Erlebnis mit Folgen

"Ich finde aber, dass der Dienstag bewiesen hat, dass es sehr wohl eine Menge Emotionen zwischen den Piloten gibt", spricht Button die Bianchi-Trauerfeier in Nizza an, bei der zahlreiche Formel-1-Piloten zugegen waren. "Nach der Trauerfeier haben wir uns zusammengesetzt und über Jules geredet, aber auch über uns als Gruppe. Es war ein schwieriger Tag", bekennt der McLaren-Pilot.

Daniil Kwjat, der seine zweite Formel-1-Saison fährt, findet durchaus, dass die Fahrer durch das Bianchi-Schicksal die Fahrer näher zusammengerückt sind. "21 Jahre lang wurden wir vom Tod verschont, jetzt hat er zugeschlagen. Man beginnt dadurch, sein Leben mehr zu genießen, man öffnet sich mehr den anderen Fahrern gegenüber, hat mehr Respekt", ist dem 21-jährigen Russen aufgefallen.

"Ich hatte immer schon Respekt vor den anderen, aber jetzt haben wir mehr Respekt und genießen mehr, was wir tun und wofür wir leben", so Kwjat, der anfügt: "Ich hoffe, dass es den anderen Fahrern auch so geht." Button bejaht dies. "Es ist nicht nur gegenseitiger Respekt. Wir sind wie Brüder, die einen wirklich verrückten Sport ausüben. Ich bin sehr glücklich, dass ich das machen kann, aber es ist ein verrückter Sport: Wir fahren Rennwagen mit 340 km/h!"

Bei Mercedes ist das Thema Tod Tabuthema

Niki Lauda, der beim Grand Prix von Deutschland 1976 nur knapp dem Tod von der Schaufel gesprungen ist und sowohl davor als auch danach zahlreiche Fahrerkollegen verloren hat, bemerkt, dass er in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender des Mercedes-Teams das Thema Tod gegenüber Lewis Hamilton und Nico Rosberg meidet.

"Ich habe so etwas selbst öfter erlebt. Zu meiner Zeit gab es fast jedes Jahr zwei Tote. Gott sei Dank wurden in der heutigen Formel 1 die Fahrer 21 Jahre lang nicht damit konfrontiert. Wenn dann so etwas passiert, ist es natürlich umso ärger. Früher passierte das so oft, dass man sich jedes Mal damit auseinandersetzen musste. Heute ist das Gott sei Dank nicht mehr so. Alle Fahrer sind natürlich stark betroffen, aber jeder weiß, dass es gefährlich ist", so Lauda gegenüber 'Sky'.

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