Porsche entwickelt Hocheffizienz-Motor: Formel 1 kein Thema?

, 22.11.2017

Die Porsche-Verantwortlichen vermeiden den Begriff Formel 1 konsequent: In Weissach läuft die Entwicklung eines hocheffizienten Hochleistungs-Motors

Bei den Beratungen über das Formel-1-Antriebsreglement ab 2021 saß in den vergangenen zwei Meetings auch Porsche-LMP1-Teamchef Andreas Seidl mit am Tisch. Die Stuttgarter waren einer Einladung der FIA gefolgt und hatten die Diskussionen mit Interesse verfolgt - und gleichzeitig wichtigen Input geliefert, beispielsweise über die in der Topklasse der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) elektrisch angetriebenen Vorderachsen.

Die Le-Mans-Rekordsieger haben ihr LMP1-Projekt nach vier erfolgreichen Jahren beendet. Neben dem Engagement im GT-Sport wird die Formel E ein wichtiges Betätigungsfeld ab 2019/20. "Es war ein tolles LMP1-Projekt, aber so etwas hat immer einen Anfang und ein Ende. Nun ist Schluss damit und wir starten in neue Projekte. Mal schauen, was", sagt Volkswagen-Konzernvorstand Matthias Müller im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. Der ehemalige Porsche-Boss deutet damit an, dass es neben GT und Formel E noch andere Spielwiesen für die 260 Fachleute aus Weissach geben könnte.

"Porsche ist eine tolle und sehr innovative Firma. Da wird es großartige neue Ideen geben, an denen wir noch viel Freude haben werden", sagt Müller. Eine der Innovationen ist im Bereich Verbrennungsmotoren zu finden. Mit dem 2,0-Liter-V4-Turbo aus dem Porsche 919 Hybrid hat man beste Erfahrungen gemacht. Das effiziente Triebwerk, das einen Wirkungsgrad von über 40 Prozent erzielt haben soll, schob das Auto zu drei Le-Mans-Siegen und drei WM-Titeln in Serie. Aber: Der Vierzylinder war am Ende seiner Entwicklung.

V6-Motor war für den LMP1-Porsche bereits in Planung

"Für uns war klar: Machen wir weiter LMP1, dann müssen wir einen neuen Motor machen. Wir haben gesehen, dass wir mit unserem Vierzylinder an Grenzen stoßen", sagt Porsche-LMP1-Leiter Fritz Enzinger. "Im April haben wir mit einem Sechszylinder begonnen. Und den möchte man natürlich zu Ende machen. Das machen wir fertig. Erst einmal als Einzylinder. Wir haben keinen Auftrag für einen Vollmotor. 30 Leute arbeiten jetzt an diesem Projekt. Das sind genau die Fachleute, die auch den LMP1-Motor gemacht haben."

Motorenchef Thomas Krämer und sein Team haben im Rahmen dieses Projektes neue Unterstützung aus dem Konzern bekommen. Nach Informationen von 'Motorsport-Total.com' wirkt auch VW-Entwickler Donatus Wichelhaus mit - also der Mann, der bei Volkswagen unter anderem für die Entwicklung des Turbomotors im Polo WRC verantwortlich zeichnete. Mit geballter Macht in Richtung Formel 1? "Wir haben keinen solchen Auftrag. Mehr kann man jetzt nicht dazu sagen", wiegelt Enzinger ab.

"Ob da vielleicht mal mehr daraus wird, kann ich nicht beurteilen. Man muss sowieso erst einmal abwarten, wie sich das Reglement 2021 abschließend entwickeln wird", meint der erfahrene Österreicher, der gemeinsam mit Teamchef Seidl bereits mit BMW in der Formel 1 aktiv war. Eine Entscheidung über ein mögliches Programm in der Königsklasse obliegt ohnehin dem Vorstand. Die Führungsetage will davon bislang nichts wissen. Man meidet den Begriff Formel 1 wie der Teufel das Weihwasser.

Vorkammer-Brennverfahren und Selbstzündungs-Zyklen

"Wir beginnen damit, einen Einzylinder zu entwickeln, dabei Verbrennsysteme zu testen. Ob am Ende der Einsatz in anderen Motorsportserien in Betracht kommt, ist ein zweites Paar Schuhe. Das steht im Moment nicht zur Diskussion", erklärt Porsche-Vorstandschef Oliver Blume im Interview mit 'Motorsport-Total.com'. "Es geht ums Verbrauchsoptimierung und Leistungsverdichtung. Da geht es auch um ein Vorkammer-Brennverfahren, das wir dort entwickeln."

"Solche Systeme werden im Rennsport schon eingesetzt, aber wir sind bemüht, dort noch mehr Effizienz herauszuholen. Das ist uns bislang immer gelungen, jedes Fahrzeug war diesbezüglich immer besser als der Vorgänger", so Blume. Klartext: Bei Porsche hat man sich extrem hohe Ziele gesetzt. Nach einem Wirkungsgrad von über 40 Prozent beim LMP1-Aggregat peilt man die Schallmauer von 50 Prozent an, die Mercedes im Formel-1-Projekt nach eigener Aussage bereits durchbrochen hat. Der Benziner könnte unter anderem mit Selbstzündungs-Zyklen arbeiten.

"Abwarten, ob wir das schaffen", sagt Blume. "Wir haben jetzt erst einmal damit angefangen, das Brennverfahren zu formulieren. Irgendwann werden wir dorthin kommen zu sagen, welchen Wirkungsgrad wir damit erreichen können. In der aktuellen Konzeptphase schauen wir uns verschiedene Einspritzverfahren an, vergleichen und testen diese. Wir sind aber jetzt schon überzeugt, dass diese neuen Verfahren einen tollen Schritt ermöglichen werden. Und zwar in allen Bereichen: Leistung, Verbrauch und Emission."

"Wir wollen schauen, was möglich ist. Was davon dann vielleicht irgendwann in realen Motoren umgesetzt wird, das ist der zweite Schritt. Den gehen wir jetzt noch nicht", stimmt Porsche-Entwicklungschef Michael Steiner zu. Auch er vermeidet Aussagen zum konkreten Ziel bezüglich des Wirkungsgrades. "Wenn meine Experten und ich selbst wüssten, was wirklich geht, dann könnten wir uns diese Übung sparen. Wir wollen es herausfinden."

Nur für den Fall der Fälle: Weissach ist für alles gerüstet

"Es ist spannend, an einem solchen Konzept zu arbeiten. Die Validierung erfolgt dann an einem Einzylinder. Das hat eher Forschungs- und Vorentwicklungs-Charakter. Die Motorbauform spielt erst einmal gar keine Rolle", will auch Steiner nichts von einem neuen V6-Motor wissen. "Es geht erst einmal nur um Ladungswechsel, Verbrennungsvorgang und um Effizienz und Leistungsabgabe. Welche Brennverfahren und welche Zündtechnologien versprechen Erfolge? Das sind die Fragen."

Sobald diese grundsätzlichen Fragen geklärt sind, wird es eine weitere wichtige Weichenstellung geben: Wo kommt die neueste Entwicklung in welcher Bauform zum Einsatz? Die Formel 1 wäre ein logisches Betätigungsfeld, um die neue Antriebstechnologie weiter zu entwickeln und öffentlichkeitswirksam darzustellen. "Da wird viel hineininterpretiert", sagt Porsche-Boss Blume. "Wir konzentrieren uns jetzt erst einmal auf die Formel E. Wir waren bei Porsche immer gut beraten, uns auf eine Sache zu fokussieren, um auch das Unternehmen nicht zu überfordern."

In der kommenden Phase nach dem Ausstieg aus der LMP1-Klasse der WEC ist man in Weissach womöglich eher unterfordert. Das Motoren-Projektteam umfasst rund 30 Personen, für die Formel E braucht man in der Phase der Vorbereitung sicherlich nicht alle verbleibenden 230 weiteren Ingenieure. Es bleibt Raum für weitere Projekte - wie auch immer diese heißen mögen. Sicher ist: Nach der enormen Erweiterung des Motorsport-Standortes Weissach ist bei Porsche alles möglich.

"Mag ich in Richtung Formel 1 nicht kommentieren", so Blume. "Aber wir haben dort einen tollen Standort mit neuem Windkanal, der direkt angebunden ist an unsere neue Designabteilung. Die Modelle können immer im Zweiklang mit dem Windkanal getestet werden. Es entsteht zeitnah ein neues Gebäude für die Antriebsprüfung. Außerdem haben wir eine Abteilung gebaut für die Elektronik-Integration. Wer Weissach vor zehn Jahren gesehen hat, der erkennt es jetzt nicht wieder." Chef-Entwickler Steiner fügt stolz an: "Weissach kann alles."

Jetzt kommentieren
Jetzt bewerten

Zum Bewerten musst Du registriert und eingeloggt sein.

Weitere Formel 1-News

In Brasilien brachte sich Lewis Hamilton zuletzt selbst um die Siegchance

Längste Durststrecke seit 2014: Ende der Mercedes-Serie?

Seit dem Beginn der Hybridära in der Formel 1 muss man negative Mercedes-Statistiken in der Regel mit der Lupe suchen. Nachdem die Silberpfeile zuletzt in Mexiko und Brasilien allerdings nicht gewinnen …

Robert Kubicas Formel-1-Comeback ist noch nicht beschlossene Sache

Vorerst kein Vertrag für Kubica: Williams dementiert …

Die Williams-Mannschaft hat Medienberichten widersprochen, nach denen ein Zweijahresvertrag mit Robert Kubica als neuer Stammpilot für die Formel-1-Saisons 2018 und 2019 in den vergangenen Tagen unter Dach …

Lewis Hamilton und sein Halbbruder Nicolas: ein ganz starkes Team

Was Hamilton inspiriert: Glaube an Gott und sein Halbbruder

Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton gibt Einblick in sein Seelenleben: Wie der 32-jährige Brite erklärt, seien seine Leistungen auf der Rennstrecke auf zwei Quellen der Inspiration zurückzuführen. "Ich bin …

Ferrari hat den Red-Bull-Vorstoß für mehr Motoren abgeschmettert

Ferrari blockiert Red Bull: 2018 weiter nur drei Motoren

Ferrari hat Red Bulls Vorstoß, das neue Motorenlimit für die Saison 2018 abzuschaffen, blockiert. Unter dem Eindruck zahlreicher Motorenstrafen musste die Formel 1 in dieser Saison bereits viel Kritik …

Seine Teamkollegen konnten ihm nichts beibringen, findet Lewis Hamilton

Hamilton: Habe von keinem Teamkollegen gelernt, außer...

Dank seines schieren Talents hat Lewis Hamilton nicht nur mittlerweile vier WM-Titel in der Formel 1 eingefahren, sondern auf dem Weg dorthin auch mehrere Teamkollegen zur Verzweiflung gebracht. Lediglich …

AUCH INTERESSANT
Walter Röhrl: Seine 7 besten Momente

AUTO-SPECIAL

Walter Röhrl: Seine 7 besten Momente

Walter Röhrl gehört zu den besten Rallye-Fahrern aller Zeiten und fuhr auch auf der Rundstrecke bedeutende Rennsiege ein. Jetzt wird es persönlich: Walter Röhrl kramt in seiner Fotokiste und …


Formel1.de

TOP ARTIKEL
Louis Vuitton Ferrari gehört 15-jährigem
Louis Vuitton Ferrari gehört 15-jährigem
RUF CTR Yellowbird 2017: Ein Wahnsinns-Preis für 710 PS
RUF CTR Yellowbird 2017: Ein Wahnsinns-Preis für …
Ford GT 2017: Warum Ferrari & Co. eine Schlappe kassierten
Ford GT 2017: Warum Ferrari & Co. eine …
News-Abo
Jeden Morgen kostenlos per E-Mail:
Aktuelle Artikel
Porsche 9:11 Magazin: Die skurrilsten Reportagen im Web-TV
Porsche 9:11 Magazin: Die skurrilsten Reportagen …
Nachhaltigkeit Autoindustrie: Kommt das Ende vom Luxus?
Nachhaltigkeit Autoindustrie: Kommt das Ende vom …
World Car of the Year 2018: Die 6 besten Autos der Welt!
World Car of the Year 2018: Die 6 besten Autos …
VW Touareg 2018: Der erste Check und was die Zukunft bringt
VW Touareg 2018: Der erste Check und was die …
VW Arteon Shooting Brake: 400 PS! Das geht nach hinten los
VW Arteon Shooting Brake: 400 PS! Das geht nach …


Speed Heads - Sportwagen- und Auto-Magazin

Das Auto und Sportwagen Magazin mit täglich aktualisierten Auto News, Motorsport News, Auto Tests, Sportwagen Berichten und der streng geheimen Auto Zukunft. Speed Heads ist die Community für echte Auto-Fans und informiert im Sportwagen Magazin über Neuigkeiten aus der Welt der schnellen Autos.

  • emotiondrive Logo
  • Torpedo Run Logo
  • Motorsport Total Logo
  • autoaid Logo