Der Totengräbergeist schleicht zweifellos durch die Wirtschaft und der Höhepunkt der Wirtschaftskrise ist noch nicht erreicht. Da hilft keine Abwrackprämie für Gebrauchte beim Neuwagenkauf, die eine Krise nur verzögert: Ist der Prämientopf für fast 600.000 Autos ausgeschöpft, bleiben die Autohändler wieder auf ihren Neufahrzeugen sitzen.
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In zwei bis drei Jahren wird es vermutlich ein Überangebot an jungen Gebrauchten mit einem hohen Wertverlust geben, so dass sich dann nahezu neuwertige Autos richtig günstig erwerben lassen könnten, was sich wiederum auf den Absatz der zukünftig produzierten Kleinwagen in Deutschland negativ auswirkt.
Wird sich durch die noch verschärfende Krise unsere Leidenschaft für Autos abschwächen? Nein! Wir lieben Autos nach wie vor. Ist es die erste Wirtschaftskrise? Nein! Auch in der Vergangenheit gab es bereits schwierige Zeiten und wir bzw. unsere Vorfahren litten darunter. Nach harten Rückschlägen folgten meist wieder gute Zeiten!
Wie sich eine Messe erfolgreich durch Krisen kämpfte
Grund genug, den Bogen zu einer alljährlich stattfindenden Automesse zu spannen, da sich auf Ausstellungen sowohl Krisen als auch Boomphasen widerspiegeln. Es ist Zeit, die Essen Motor Show unter einem ganz anderen Blickpunkt zu betrachten: die historische Seite in der über 40-jährigen Geschichte der zweitgrößten Automesse Deutschlands, die positives Denken vermitteln soll und in diesen düsteren Zeiten mit Anekdoten zum Schmunzeln anregt.
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In guten Zeiten sprühte die Begeisterung der Besucher, in wirtschaftlich schlechten Zeiten zeigten die Organisatoren der Essen Motor Show ebenfalls Elan und Pfiffigkeit, um die Gäste glücklich zu machen, so dass die Messe erfolgreicher und bekannter wurde und immer mehr Besucher anlockte.
Umdenken zu Beginn der aktuellen Wirtschaftskrise
Im Jahre 2008 war auf der Essen Motor Show - im Vergleich zu den fruchtbaren Vorjahren - gewiss ein großer Ausstellerschwund zu erkennen, aber über 100.000 qm Ausstellungsfläche und rund 550 Aussteller sind nach wie vor eine große Nummer. Ehemals prall mit Ausstellern gefüllte Hallen funktionierten die Macher der Messe daher clever in eine Motorsport-Arena mit Indoor-Rennkurs für Drift-Challenges um, wo Benzingeruch und qualmenden Reifen die Zuschauer in den Bann zogen.
Die Autofans kamen Ende 2008 während der Wirtschaftskrise, um ihre Begeisterung für Automobile in allen Variationen zu stillen, so dass die zahlreichen Leerflächen nicht wirklich wahrgenommen oder in anderen Hallen geschickt durch Design-Studien kaschiert wurden. 346.800 Besucher gaben dem geänderten Konzept der Messe-Organisation recht und die Autoenthusiasten feierten ihre Leidenschaft, wie schon damals, als im Jahre 1968 alles begann.
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Der Beginn einer Erfolgsstory
Gegründet wurde die Messe im Jahre 1968 unter dem Titel „Int. Sport- und Rennwagen-Ausstellung Essen“. Auf gerade einmal 7.000 qm waren 40 Exponate zu sehen: erfolgreiche Rennautos, wie z. B. der berühmte McLaren-Rennwagen, und ein 1.000 PS starker Dragster. 57.000 Besucher kamen damals, darunter auch der erst vor 7 Tagen gekürte Formel-1-Weltmeister Graham Hill, den seine Fans regelrecht feierten. Das Honorar des Formel-1-Weltmeisters betrug 4.500 D-Mark. Der riesige Andrang übertraf die Erwartungen, so dass Messe-Geschäftsführer Walter Bruckmann und der bis heute aktive Organisator Wolfgang Schöller spontan als fliegende Kassierer einsprangen.
Durch den Kontakt der Organisatoren zum damaligen Formel-1-Star Jochen Rindt, trug die Messe ab dem Jahre 1970 den Untertitel „Jochen-Rindt-Show “. Der bis dato Führende der Fahrerwertung in der Weltmeisterschaft erklärte seine Mitarbeit, verunglückte jedoch einen Monat später tödlich beim Formel-1-Training in Monza und wurde postum zum Weltmeister erklärt. Mit seinem Namen erlebte die drei Monate später stattfindende Messe in Essen einen wahren Boom und eine Verdoppelung der Zuschauerzahlen auf fast 125.000.
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In den Folgejahren zog die Messe damalige Rennfahrergrößen, wie z. B. Emerson Fittipaldi, Niki Lauda, James Hunt und Jody Scheckter, an und etablierte sich schon früh als Szenetreff. 1972 kamen als weiterer Bereich die „Funny Cars“ aus den USA hinzu, während die Ausstellungsfläche auf 34.000 qm wuchs. Als Stars fanden sich u. a. Emerson Fittipaldi und Giacomo Agostini, aber auch knapp 150.000 Besucher in Essen ein.
Erste Ölkrise: Herber Rückschlag und Comeback mit Rekord
1973 gab es eine große Ölkrise und die Regierung verhängte Sonntagsfahrverbote - ein herber Rückschlag für die Messe. Die Besucherzahl fiel auf 84.600 Gäste. Das konnten auch PR-Aktionen nicht verhindern: Der schwedische Formel-1-Star Ronnie Peterson fuhr mit dem Fahrrad zur Show, während der deutsche Formel-1-Pilot Rolf Stommelen mit einem PS kam und auf einem Pferd zum Messegelände ritt. Als Folge der Krise verringerte sich im Jahre 1974 die Ausstellungsfläche von 40.000 qm auf 36.000 qm.
Wie kam es zur im Herbst 1973 beginnenden Krise? Mehrere erdölexportierende Länder aus dem arabischen Raum waren beim Jom-Kippur-Krieg mit der Politik einiger erdölimportierender Länder, wie z. B. den USA, nicht einverstanden. Beim genannten Krieg erfolgte ein Überraschungsangriff von Ägypten und Syrien auf Israel, die zuvor Gebiete der Gegner eroberten und jetzt von den USA mit Munition und Waffen unterstützt wurden. Israel gewann und die arabische Welt erfuhr eine Demütigung.
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Daraufhin drosselten die arabischen Länder absichtlich die Fördermengen, bis die von Israel besetzen Gebiete „befreit“ und die „Rechte des palästinensischen Volkes“ wiederhergestellt seien. In kürzester Zeit stieg der Erdölpreis von ca. 3 US-Dollar pro Barrel (159 Liter) am 17.10.1973 auf 5 US-Dollar - eine Erhöhung von fast 70 Prozent! Damit nicht genug: Im Laufe des Jahres 1974 erreichte der Erdölpreis sogar über 12 US-Dollar.
Die Industriestaaten waren allesamt von der Krise betroffen. Die Bundesrepublik Deutschland musste im Jahre 1974 ganze 17 Milliarden D-Mark mehr für ihre Ölimporte bezahlen. Aus den hohen Ölpreisen resultierten wiederum Insolvenzen von Unternehmen, Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und in einem weiteren Schritt höhere Sozialausgaben etc.
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Die Besucher der Messe jedoch zeigten in den schlechten Jahren weiter ihre Freude an Autos, trotz der betrübten Stimmung in der Wirtschaft. Im Jahre 1975 gab es die ersten Zeichen der Erholung: 140.000 Besucher pilgerten zur Ausstellung - auch die Formel-1-Rennfahrer Niki Lauda und Jochen Mass waren dabei. 1976 besuchten mit James Hunt (1976), Niki Lauda (1974) und Emerson Fittipaldi (1974) gleich drei Formel-1-Weltmeister die Messe. Ein Jahr später gaben sich die Rennfahrer-Asse James Hunt, Jody Checkter und erneut Niki Lauda ein Stelldichein.
1978 waren die Auswirkungen der Krise überwunden und die Ausstellung erhielt den Namen „Motor Show Essen“, um das Spektrum der automobilen Leidenschaften zu erweitern und zu verdeutlichen, dass auch Sportwagen und Luxusautomobile hier zu sehen sind. Die bis dato eigenständige Motorrad-Schau wurde in die Messe integriert. Mit 160.000 Besuchern meldeten die Veranstalter eine neue Rekordzahl. Gab es nicht vor wenigen Jahren noch eine Krise? Ja, die Menschen waren aber auch während der Krise präsent und kamen zu Massen nach Essen als diese dann überwunden war. Lasst uns auch jetzt die Zähne zusammenbeißen, den guten Zeiten entgegenfiebern und diese dann genießen.
Zweite Ölkrise: Die Essen Motor Show powert während der Rezession
Die nächste Krise kam schnell und stürzte Deutschland in die bis dahin schwerste Rezession seit Bestehen der Bundesrepublik. Es handelte sich um die zweite Ölkrise von 1979 bis 1980, ausgelöst durch die Revolution im Iran im Jahre 1979 und ein Jahr später dem ersten Golfkrieg, bei dem der Irak den Iran angriff. Dies führte zu erheblichen Ausfällen bei der Erdölförderung und einer Verunsicherung während des ersten Golfkrieges. So stiegen die Erdölpreise in dieser Zeit erneut drastisch und erreichten ein damaliges Rekordhoch von rund 38 US-Dollar pro Barrel. Deutschland erlebte seine bis dato schwerste Rezession.
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Währenddessen setzte die „Motor Show Essen“ auf ihr bewährtes Konzept und zog auch in dieser schweren Zeit die Besucher an. Es erfolgten keine Rekorde, es wurden aber ebenso wenig Negativwerte verkündet. Dafür trumpfte die Ausstellung mit Power, wie z. B. Kitty O’Neill, die zu jener Zeit schnellste Frau der Welt mit 825 km/h - erreicht in einem Raketenfahrzeug. Ebenso vor Ort: 1979 der damalige Formel-1-Vizeweltmeister Gilles Villeneuve, Rennfahrer Manfred Winkelhock und ein Jahr später die Formel-1-Profis Nelson Piquet und Jacques Laffite sowie Rallye-Monte-Carlo-Sieger Walter Röhrl
Die Essen Motor Show wächst und setzt neue Bestmarken
Nach der Rezession erweiterten die Organisatoren die Messe im Jahre 1982 um die eigenständigen Ausstellungsbereiche „Classic Cars“ und „Motorräder“. Auch das Show-Center wurde in jenem Jahr geboren, um unverkäufliche Fahrzeug-Juwelen zu präsentieren. Die Formel-1-Weltmeister Niki Lauda, James Hunt und Jody Scheckter erschienen wiederum vor Ort und die Gesamtfläche der Messe stieg auf 65.000 qm.
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Der Messe-Bereich „Motorräder“ verabschiedete sich jedoch im Laufe der Zeit, um den Autos einen stärkeren Focus zu bieten. Dennoch erzählt man sich, dass die Motorrad-Rocker bis spät in die Nacht wilde Partys feierten und sich mit ihren „Bräuten“ auf dem einen oder anderen Auto vergnügten.
Insgesamt 286.000 Besucher kamen 1986 in die nun 70.000 qm umfassende Ausstellung, gefolgt von einer weiteren Bestmarke im Jahre 1988 mit 332.800 Besuchern. 1989: Im Show-Center sind legendäre Ferrari-Formel-1-Rennwagen zu sehen. An einem Tag kamen 14 ehemalige Ferrari-Formel-1-Piloten nach Essen. Die Messe wurde zu einem noch größeren Erfolg. Daraufhin erweiterten die Macher die Ausstellungsfläche im Folgejahr auf 90.000 qm.
Zu sehen bekamen die nunmehr 350.000 Besucher im Jahre 1990 sogar drei der exorbitant teuren „Bugatti Royale“, deren Wert auf je 20 Millionen US-Dollar geschätzt wurde. In den Folgejahren besuchten Stars, wie z. B. Michael Schumacher, Mika Häkkinen, La Toya Jackson sowie das ehemalige Model und Hollywood-Star Brigitte Nielsen die Messe. Im Jahre 1995 begab sich auch Heinz-Harald-Frentzen vor Ort, zwei Jahre später war er Formel-1-Vizeweltmeister.
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Früchte des Erfolges: Der bislang ungeschlagene Besucherrekord
Ihren heutigen Namen „Essen Motor Show“ erhielt die Ausstellung im Jahre 1996 und zog nach wie vor Welt-Stars an, wie z. B. den amtierenden Formel-1-Weltmeister Mika Häkkinen. Damon Hill, Formel-1-Weltmeister des Jahres 1996, ist 1998 in Essen vor Ort. Im Millenium-Jahr 2000 ging die Superlative weiter, auch der um die Formel-1-Spitze mitfahrende Rennfahrer David Coulthard war dabei. Mit Eröffnung der Ausstellung wurde die neue Messehalle 3 in Betrieb genommen. Dadurch wuchs die Ausstellungsfläche auf 110.000 qm an. Ein Jahr später besuchte Mika Häkkinen erneut die Essen Motor Show, zwei Jahre später gefolgt von seinem weltmeisterlichen Nachfolger Kimi Räikkönen. Im Jahre 2004 erzielte die Essen Motor Show mit 416.500 Besuchern einen bislang ungeschlagenen Rekord.
Die Essen Motor Show des Jahres 2008 erreichte mit insgesamt 346.800 Besuchern ein Ergebnis auf dem hohen Niveau des Vorjahres (352.000), jedoch deutlich geringer als in den wirtschaftlich boomenden Vorjahren. Aber die Besucher zeigen nach wie vor im hohen Maße, dass unsere Leidenschaft für Autos auch in schwierigen Zeiten ungebrochen ist.
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Die Welt verändert sich, Krisen sowie Hersteller kommen und gehen, aber es wird uns in Essen immer etwas geboten - mal pompös, mal mit einem „morbiden“ Eindruck. Die guten Zeiten kommen wieder, um uns mit renommierten Tunern, zurückkehrenden Größen sowie neuen Veredelern und atemberaubenden Konzepten auch zukünftig in den Bann zu ziehen.
Weiterführende Links:
Wer die Essen Motor Show seit den Beginnen im Jahre 1968 mit den automobilen Stars und Rennfahrer-Legenden „erleben“ möchte, findet über 40 Jahre automobile Leidenschaft in unserer historischen Fotogalerie:
Essen Motor Show (1968 - 2007): Historischer Rückblick mit Stars und Sensationen
Und auch im Jahre 2008 bot die Essen Motor Show trotz der Wirtschaftskrise zahlreiche sehenswerte Automobile zum Staunen:































BeezleBug
20.02.2009
Du siehst mich sprachlos :applaus: ...völlig begeistert :applaus: ...und tief beeindruckt :applaus: [B]Vielen Dank für diese Zeilen!!!!! :bigpray:[/B] Na, da ergibt sich schon fast ein Zwang der positiven Bewertung ;) blubbernde V8-Grüße :fahren: BeezleBug
Landy
20.02.2009
Ganz hervorragender Artikel. Genau DAS braucht Deutschland! Nicht immer jammern, nörgeln und schwarzsehen! Das Leben ist geil, unsere Autos sind geil und Geld ausgeben ist geil! Also Kopf hoch und Spass haben
Aston Martin (Gast)
20.02.2009
[QUOTE=Landy;61284]Ganz hervorragender Artikel. Genau DAS braucht Deutschland! Nicht immer jammern, nörgeln und schwarzsehen! Das Leben ist geil, unsere Autos sind geil und Geld ausgeben ist geil! Also Kopf hoch und Spass haben
[/QUOTE]
Da stimme ich zu. Man sollte sich den Spaß nicht verderben lassen, denn wie sagt ein Sprichwort? "Das Leben ist zu kurz für kleine, hässliche (und übertrieben umweltfreundliche Autos."
Zur Essen Motorshow noch ein Kommentar.
Ich finde es schade, dass sich der Ruf so gewandelt hat. Von einer Sport- und Rennwagen Ausstellung zur "Prollo-Tuningshow".